Auf dem Weg zu einer Welt ohne Schäden durch Chemikalien

Erwartungen an die Erste Weltchemikalienkonferenz unter dem Globalen Rahmenwerk für Chemikalien

Im November findet in Genf die erste Weltchemikalienkonferenz unter dem neuen Globalen Rahmenwerk für Chemikalien statt. Ein wichtiger und bedeutender Meilenstein im sicheren Umgang mit Chemikalien auf der Welt. Auch wenn die Weltchemikalienkonferenz fast unbemerkt im Schatten der Weltklimakonferenz stattfindet, ist ihr Ansinnen nicht weniger bedeutsam. Daher ist es höchste Zeit, ihr die Aufmerksamkeit zu geben, die sie verdient.

Wenn im November die jährliche Weltklimakonferenz beginnt, wird das traditionell die Startmeldung der Tagesschau. Staatschef:innen und Umweltminister:innen reisen an. Zigtausende NGO-Vertreter:innen begleiten die Verhandlungen. Der internationale Klimaschutz bekommt während der alljährlichen Konferenzen die Aufmerksamkeit, die er verdient.

Was nur Wenige wissen: Zeitgleich wird in Genf die Weltchemikalienkonferenz eröffnet, die erste unter dem Globalen Rahmenwerk für Chemikalien (Global Framework on Chemicals, GFC). Während nach Antalya Zehn- bis Hunderttausende anreisen, verhandeln in Genf ein paar Hundert Verwaltungsbeamte, Wissenschaftler:innen, Vetreter:innen der Wirtschaft und – ja, auch – einzelne NGO-Vertreter:innen darüber, wie man Mensch und Umwelt besser schützt vor schädlichen Chemikalien. Dies alles leider weitgehend unbemerkt vom öffentlichen Diskurs.

Dabei ist der sichere Umgang mit Chemikalien von existenzieller Bedeutung. Ebenso wie die Klimakrise durchdringt er nahezu alle Lebensbereiche. Ob es um Kleidung geht, um Spielzeug, Medikamente, Pestizide oder Verpackungen – ohne Chemikalien wäre unser heutiger Lebensstil nicht denkbar. Doch das hat eine Kehrseite: Gefährliche Chemikalien können Nieren schädigen und Herzkreislauferkrankungen hervorrufen, Nerven-, Immun- und Hormonsystem stören, Ursache für verminderte Fruchtbarkeit, Entwicklungsschädigungen und Krebserkrankungen sein – wenn sie nicht sicher gemanagt werden.

Chemikalien werden überall eingesetzt; sie sind integraler Bestandteil globaler Lieferketten. Deshalb muss Chemikaliensicherheit sektorübergreifend sichergestellt und international ausgerichtet sein. Genau hier setzt das GFC an.

Der Durchbruch im Umgang mit der Verschmutzungskrise

Das GFC wurde 2023 verabschiedet, in Bonn und unter Präsidentschaft meiner Vorgängerin, Dr. Anita Breyer. Nach nächtelangen Verhandlungen stand schließlich ein Konsens, der von Mitgliedstaaten, UN-Organisationen, Zivilgesellschaft und Industrie getragen wurde – ein Durchbruch, den vorher kaum jemand für möglich gehalten hatte. Für Deutschland als Gastgeber und eine der größten Chemienationen der Welt ein immenser Erfolg bei der Bekämpfung der globalen Verschmutzungskrise.

Das Hauptziel des GFC ist die Stärkung institutioneller Kapazitäten für den sicheren Umgang mit Chemikalien. Dahin ist es noch ein weiter Weg: Über 100 der 195 Staaten haben beispielsweise das weltweite Kennzeichnungssystem für Chemikalien, das „Globally Harmonised System“ (global harmonisiertes System), noch nicht umgesetzt. Damit fehlen ihnen die grundlegenden Voraussetzungen, um gefährliche Stoffe zu identifizieren und zu kennzeichnen. Das will das GFC ändern, um Umwelt, Bevölkerung und Arbeiter:innen besser zu schützen vor Schäden durch gefährliche Chemikalien.

Ein weiteres wichtiges Ziel des GFC ist, die Finanzierung für Chemikaliensicherheit zu verbessern. Dabei unterstützt der GFC-Fonds, der mit erheblicher finanzieller Beteiligung Deutschlands ins Leben gerufen wurde. Er fördert entsprechende Projekte in Ländern des globalen Südens. Die ersten Projektaktivitäten haben begonnen, die zweite Bewilligungsrunde ist gerade abgeschlossen.

Hoffnungen und Hürden auf der Weltchemikalienkonferenz

Vom 16.-20. November 2026 findet nun – drei Jahre nach Verabschiedung des GFC – die erste Weltchemikalienkonferenz unter dem GFC statt (International Conference, IC1). Für das Bundesumweltministerium ist das ein besonderer Meilenstein. Uns ist wichtig, dass dort weitere Grundlagen geschaffen werden für das Erreichen der Ziele des GFC:

Beispielsweise soll festgelegt werden, wie die Zielerreichung des GFC gemessen wird. Das ist wichtig, um zu sehen, wo es gut läuft und wo weitere Anstrengungen erforderlich sind.

Daneben soll über die Zukunft der sogenannten Umsetzungsprogramme des GFC entschieden werden. Für diese sind die zehn internationalen Organisationen, die zu Chemikaliensicherheit arbeiten, wichtig. Sie sind im Inter-Organisation Programme for the Sound Management of Chemicals, dem IOMC organisiert, vom UN-Umweltprogramm über Weltgesundheitsorganisation bis hin zur Weltbank. Das IOMC unterstützt Staaten und andere Stakeholder beim Kapazitätsaufbau und bei der Einbindung des Privatsektors. Die Umsetzungsprogramme des GFC bieten dafür einen Rahmen, um voneinander zu lernen und miteinander Initiativen zu starten.

Auf IC1 soll auch entschieden werden, wie an den sogenannten Issues of Concern (IoC) weitergearbeitet werden soll. Das sind Themen, die als besonders relevant für das internationale Chemikalienmanagement angesehen werden. Beispiele sind PFAS – sogenannte Ewigkeitschemikalien – persistente Arzneimittel oder Blei in Farben. Für die IoC gilt es Arbeitsprogramme zu verabschieden, sowie über neue Vorschläge für Schwerpunktthemen zu entscheiden.

Schließlich wird auf IC1 die Finanzierung ein wichtiges Thema werden. Gerade weil die Verschmutzungskrise vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhält, sind die Finanzierungsmöglichkeiten begrenzt. Die IC1 wird Möglichkeiten diskutieren, wie sowohl öffentliche als auch private Gelder für das Chemikalienmanagement besser erschlossen werden können und wie Investoren Entscheidungshilfen erhalten.

»Chemikalien werden überall eingesetzt; sie sind integraler Bestandteil globaler Lieferketten. Deshalb muss Chemikalien-sicherheit sektorübergreifen sichergestellt und international ausgerichtet sein. Genau hier setzt das GFC an.«

Die Erste Weltchemikalienkonferenz hat das Potenzial, uns einen guten Schritt voranzubringen beim sicheren Umgang mit Chemikalien weltweit. Sie bietet außerdem eine Chance, das Thema Chemikaliensicherheit im öffentlichen Bewusstsein stärker zu verankern.

Das Forum Umwelt und Entwicklung leistet dabei bereits sehr gute Arbeit. Es ist gut, dass sich auch die Zivilgesellschaft einbringt, dass sie im Verband Positionen entwickelt und diese in die internationalen Verhandlungen trägt. Das internationale Chemikalienmanagement braucht eine starke Zivilgesellschaft. Das Globale Rahmenwerk für Chemikalien bietet hervorragende Möglichkeiten zur Mitwirkung. Die Arbeit mag jenseits der großen Öffentlichkeit stattfinden. Sie hat aber nicht weniger Bedeutung.

Antje von Broock ist Leiterin der Abteilung Kreislaufwirtschaft, Immissionsschutz und Chemikaliensicherheit im Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit.

Kategorien: Allgemein
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