Der Iran-Krieg und die Folgen für die Welternährung

Wie der Iran-Krieg globale Abhängigkeiten bei Energie, Düngemitteln und Nahrung verschärft und warum Agrarökologie ein Ausweg sein kann

Zu Beginn der Angriffe auf den Iran Ende Februar/Anfang März hofften viele auf ein schnelles Kriegsende und den Zusammenbruch des Regimes im Iran. Im Herbst 2026 ist das Gegenteil eingetreten: Mit der Eroberung der jemenitischen Zugänge zur Straße von Bab al-Mandeb durch die mit dem Iran verbündeten Huthis Mitte September hat sich der Krieg endgültig regionalisiert. Die Folgen für die Welternährung sind bedeutend: Nimmt man die Folgen des im Sommer weiter eskalierten Kriegs gegen die Ukraine und die Folgen des vom Klimawandels verschärften El Niño-Phänomens hinzu, steckt die Welternährung mitten in einer dreifachen Krise.

 

Als Reaktion auf die amerikanischen und israelischen Angriffe schränkte der Iran zu Kriegsbeginn die Straße von Hormus massiv ein. Durch sie wurden zu Friedenszeiten 38 % des weltweit gehandelten Rohöls, 29 % des Flüssiggases und bis zu 35 % des synthetischen Stickstoffdüngemittels Harnstoff transportiert1 – ein strategisches Nadelöhr für Weltwirtschaft und Welternährung. Vor einer Blockade durch den Iran wurde jahrzehntelang gewarnt. Die Kriegsfolgen und die andauernde Blockade zeigen, wie berechtigt diese Warnungen waren. Zugleich muss sich die Staatengemeinschaft von den Menschen der Welt fragen lassen, warum sie sich dieser Abhängigkeit bewusst über Jahrzehnte ausgesetzt hat, ohne Alternativen vorzubereiten. Hinzu kommt die Frage, warum so wenige ernsthafte diplomatische Initiativen zur Beendigung von Krieg und Blockade unternommen werden. Insbesondere Deutschland zeigt angesichts der eigenen wirtschaftlichen Abhängigkeit erschütternde Passivität.

 

Mit der Grünen Revolution in die Abhängigkeit

Die Preis- und Verfügbarkeitskrise bei synthetischen Stickstoffdüngemitteln, die über das extrem energieintensive und klimaschädliche Haber-Bosch-Verfahren mit und aus Erdgas gewonnen werden, zeigen erneut die fatalen Abhängigkeiten der Grünen Revolution. Diese verspricht Ertragssteigerung durch den Einsatz externer Inputs und externer Energie, vor allem von synthetischem Stickstoff – fehlt dieser, brechen die Erträge drastisch ein. Genau diese Ernterückgänge werden nun infolge des Iran-Kriegs für die Preise und die Verfügbarkeit von Nahrung für die Welternährung befürchtet. In der Folge droht nach drei Jahren des leichten Rückgangs für 2026 wieder ein Anstieg der Hungerzahlen. Diese Zahlen werden erst 2027 verfügbar sein.
Schon der kurzfristige Gasmangel ließ in den ersten Kriegsmonaten Millionen Menschen vor allem in Asien hungern, besonders Wanderarbeiter:innen ohne eigene Küche: Die informellen Garküchen, die sie versorgten, mussten mangels Gases schließen.2 Gerade in Asien verfügen viele Staaten aufgrund der Schuldenkrise über sehr geringe Gasreserven und sind auf einen steten Lieferfluss von Gas angewiesen. Hinzu kommt die geografische Nähe zu den Golfstaaten. Gleiches gilt für viele ostafrikanische Staaten. Über den Indischen Ozean war bis zur Blockade der Straße von Hormus eine Versorgung mit Gas und Stickstoffdüngemitteln zeitnah und preisgünstig möglich.

 

Besonders dramatisch ist die Situation für alle Menschen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Ihre Lage hat schon durch die drastische Verkürzung der globalen Mittel für humanitäre Hilfe massiv verschlechtert. Steigende Transport- und Lebensmittelkosten schmälern die Mittel weiter; das Welternährungsprogramm (WFP) musste in mehreren Regionen bereits die Rationen kürzen.

 

Unabhängig dank Agrarökologie

Deutlich anders sieht die Situation für all die Produzent:innen aus, die dank Agrarökologie unabhängig geblieben sind oder sich aus der Abhängigkeit befreit haben. Sie produzieren eigene ökologische Düngemittel und setzen im Sinne ökologischer Kreisläufe auf Vielfallt auf dem Acker. Eine Vielfalt, die nicht nur den Boden nährt, sondern auch vor Mangel- und Fehlernährung schützt.
Die letzten beiden großen Krisen der Welternährung, die Corona-Pandemie und der Angriff auf die Ukraine, haben gezeigt, dass agrarökologische Produzent:innen viel besser durch diese Krisen gekommen sind. Denn sie sind souverän in ihrem Anbau: Sie müssen weder Düngemittel, Pestizide noch Saatgut vom Weltmarkt beziehen, sondern erzeugen alles selbst oder im Verbund mit anderen Betrieben in der Region. Somit sind sie nicht nur deutlich resilienter in Krisen, sondern auch ökonomisch besser aufgestellt, wie groß angelegte Studien aus Indien zu Natural Farming in Andrah Pradesh zeigen.

 

Wohl denen, die sich nicht abhängig gemacht haben

Auf dem afrikanischen Kontinent zahlt sich zunehmend der Widerstand vieler Produzent:innen und der Zivilgesellschaft gegen AGRA (ehemals Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika) und die neue Grüne Revolution aus. Wie wenig die Millionen schweren Projekte der Gates Foundation und Behörde der Vereinigten Staaten für internationale Entwicklung (USAID) gebracht haben, zeigt eine neue Studie der Allianz für Ernährungssouveränität in Afrika (AFSA) zum 20-jährigen Geburtstag von AGRA. Schon mit der Studie „Falsche Versprechen“ hatte die deutsche Zivilgesellschaft zusammen mit afrikanischen Partnern auf das Scheitern des Ansatzes hingewiesen und eine agrarökologische Umorientierung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) erkämpft. Das BMZ förderte in der Folge den Aufbau von fünf bis heute bestehenden (agrar)ökologischen Wissenszentren in Afrika. Diese helfen vielen Staaten und Produzent:innen, besser durch die erneute Krise zu kommen und haben zu einer Vielzahl neuer nationaler und regionaler Agrarökologie-Politiken in Afrika beigetragen. Gleichzeitig wurde im Agrarbereich das Ende von USAID von vielen zivilgesellschaftlichen Akteuren begrüßt, da deren Grüne-Revolutions-Ansatz nur in die Abhängigkeit führte.
Diese lokalen Erfolge täuschen nicht darüber hinweg, dass weiterhin gebetsmühlenartig die gleichen Antworten wiederholt werden: Synthetische Stickstoffdüngemittel seien für die Welternährung unersetzlich und müssten mit allen Mitteln wieder preiswert gemacht werden. Folglich fließen Milliarden Euro in die Subvention dieser Düngemittel, statt das selbst von der Weltbank geforderte Repurposing umzusetzen. Insbesondere die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist hier ein Negativbeispiel. Unter chinesisch-amerikanischer Leitung versteht sie sich wieder stark als Kathedrale der Grünen Revolution. Agrarökologie kommt ihr nicht über die Lippen oder in die Lösungsansätze. Verstärkt wird diese Versteifung von den Golfstaaten, die eine Krisensitzung des FAO-Rats erreichten – diplomatisch eine der besten Initiativen bisher, doch dort setzten sie einseitig ihre eigenen Interessen als Gas- und Düngemittel exportierende Staaten durch, die untrennbar mit der Grünen Revolution verbunden sind.

 

Wieder keine Antworten im Sinne der Betroffenen

Für die besonders von Hunger und Mangelernährung Betroffenen ist das frustrierend: Schon während der Corona-Pandemie und nach dem Angriff auf die Ukraine hatten sie eine global koordinierte Krisenantwort des Welternährungsausschuss (CFS), basierend auf Agrarökologie und Recht auf Nahrung, eingefordert. Im CFS wird ihre Stimme gehört und sie können die Beschlüsse mitverhandeln. Leider wird dem CFS weiter nicht die koordinierende Rolle eingeräumt, die ihm zusteht. Dabei ist es in einer Welt, in der zunehmend einzelne Staaten und Personen mit neuer Kanonenbootpolitik versuchen, das Recht des Stärkeren durchzusetzen, wichtiger denn je.

 

Die weitere Eskalation des Kriegs gegen die Ukraine, die über den Sommer 2026 Ernte- und Transportinfrastruktur wechselseitig zerstörte und die Getreidepreise stark steigen ließ, zeigt zusätzlich: Es braucht globale menschrechtsbasierte Lösungsansätze, die die Abhängigkeit von den Mächtigen und Machthungrigen dieser Welt reduzieren. Denn diese zeigen mit aller Deutlichkeit: Sie sind bereit, Essen als Waffe einzusetzen und Hunger als Kollateralschaden auf ihrem Weg zur größtmöglichen Macht in Kauf zu nehmen.

 

Gleichzeitig zeigt der vom Klimawandel dramatisch verstärkte El Niño-Effekt, wie wichtig ein Umsteuern in der Agrarproduktion ist. Die klimaschädliche Grüne Revolution mit ihren auf fossilen Rohstoffen basierenden Düngemitteln und Pestiziden bietet hier keine Antworten mehr. Ein Umsteuern und Umdenken in Richtung sozial-agrarökologische Transformation ist unausweichlich.

 

Was tut die Bundesregierung?

Sie zieht sich mit Nichtstun weiter in die Isolation zurück. Statt agrarökologische Transformation national wie global zu fördern und international Verantwortung zu übernehmen, straft sie mit dem im Herbst 2026 vorgestellten Haushalt erneut diejenigen ab, die an Lösungen arbeiten. So wird der BMZ-Haushalt weiter gekürzt, und die humanitäre Hilfe bleibt auf einem der globalen Lage nicht angemessenen Tiefstand stehen.3 Gleichzeitig werden die Mittel für den ökologischen Landbau gekürzt und damit die Transformation des Agrarsystems ausgebremst.4

 

Insbesondere für das UN-System sind die Kürzungen im Bundeshaushalt ein klares Zeichen: Die Bundesregierung will in Zeiten globaler Krisen wenig Verantwortung übernehmen. Angesichts dieser Politik braucht sich die Bundesregierung nicht über schwindenden globalen Einfluss wundern. Sie kürzt sich mehr oder minder selbst in die Isolation.

 

Diese Politik führt zu Unverständnis, Wut und Verzweiflung bei denjenigen, die unter den Krisen leiden. Ähnlich geht es denen, die endlich die agrarökologische Transformation umsetzen wollen. Damit kein dauerhaftes Gefühl der Ohnmacht entsteht, ist es Aufgabe der Zivilgesellschaft, weiter die Wege zu mehr Unabhängigkeit und Souveränität durch Agrarökologie und Recht auf Nahrung aufzeigen und die Entscheidungen der Bundesregierung in Frage zu stellen.

 

Stig Tanzmann – Der Autor ist Referent für Landwirtschaft bei Brot für die Welt.

 

Quellen:

1 FAO (2026): Global Agrifood Implications of the 2026 Conflict in the Middle East.
2 Abhishek Dey (2026): Indian migrant workers hit by cooking gas shortages are leaving cities. In BBC.
3 VENRO (2026): Bundeshaushalt 2027: Dachverband fordert Trendwende bei Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe.
4 Jost Maurin (2026): Bundesregierung will bei Bio und Tierschutz sparen. In TAZ.

Kategorien: Allgemein
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