Die unsichtbare Krise

Warum Chemikalien dringend auf die politische Agenda gehören

Chemische Verschmutzung ist eine Umweltkrise, die oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Sie findet in Luft, Wasser und Böden statt, steckt in Produkten des Alltags und kann sich über Jahre oder Jahrzehnte in Mensch und Natur anreichern. Gleichzeitig ist die Herstellung nahezu aller Chemikalien eng mit fossilen Rohstoffen, hohem Energieverbrauch und erheblichen Treibhausgasemissionen verbunden. Wer Klima, Artenvielfalt und unsere natürlichen Lebensgrundlagen schützen will, muss deshalb auch die Chemikalienfrage politisch neu bewerten. Wer nur über CO₂ und Naturschutz spricht, greift zu kurz.
Chemie ist grundsätzlich nichts Bedrohliches. Unser Körper besteht aus chemischen Stoffen, ebenso Wasser, Luft und Nahrung. Problematisch wird es bei künstlich hergestellten oder in großen Mengen eingesetzten Stoffen, deren Eigenschaften Mensch und Natur gefährden können. Sie sind in unserem Leben allgegenwärtig, machen Medikamente möglich, verbessern Materialien und sind Bestandteil unzähliger Alltagsprodukte. Einige Chemikalien sind giftig, andere können Krebs auslösen, das Erbgut und die Fortpflanzung schädigen oder das Hormonsystem beeinflussen. Besonders problematisch sind Stoffe, die sich nur sehr langsam abbauen, sich in Organismen anreichern oder über Wasser und Luft weit verbreitet werden. Sie können sich in Böden und Gewässern festsetzen, über Nahrungsketten weitergegeben werden und schließlich in unserem Körper landen. Damit zeigt sich ein grundlegendes Dilemma: Eine Substanz kann für bestimmte technische Anwendungen nützlich sein und gleichzeitig langfristige ökologische Risiken verursachen.

»Die Menschheit bringt neue Stoffe schneller in die Umwelt, als sie deren Auswirkungen kontrollieren kann. Genau darin liegt die besondere Brisanz der chemischen Verschmutzung: Sie verändert die Bedingungen, unter denen Ökosysteme funktionieren – und gefährdet damit die natürlichen Grundlagen menschlichen Lebens.«

Die „dritte Krise“ ist längst planetarisch

Das Ausmaß dieser Entwicklung ist enorm. Mehr als 350.000 Chemikalien und chemische Gemische sind weltweit für Produktion und Verwendung registriert – und es werden täglich mehr. Diese Zahl beruht auf einer Auswertung von 22 nationalen und regionalen Chemikalieninventaren aus 19 Ländern und Regionen. Zugleich liegen von rund 120.000 Stoffen keine belastbaren Daten vor – etwa weil sie als vertraulich eingestuft oder nicht ausreichend untersucht beziehungsweise beschrieben sind.1

 

Seit den 1950er-Jahren ist die Chemieproduktion weltweit um das Fünfzigfache angestiegen. 2022 stellten Forscher des Stockholm Resilience Centre (SRC) fest, dass wir die planetare Belastungsgrenze für sogenannte neuartige Substanzen längst überschritten haben. Gemeint sind damit vor allem Chemikalien, Kunststoffe und andere von Menschen hergestellte Substanzen und Materialien, wie radioaktiver Abfall oder genetisch modifizierte Organismen. Die Botschaft ist einfach: Wir setzen inzwischen mehr Stoffe in die Umwelt frei, als das Ökosystem Erde sicher verkraften kann.2

 

Die Größenordnung macht deutlich, vor welcher Herausforderung die internationale Chemikalienpolitik steht. Die Zahl der Stoffe auf dem Markt ist erheblich größer als frühere Schätzungen vermuten ließen. Gleichzeitig fehlen für sehr viele Chemikalien ausreichende Informationen über ihre Eigenschaften, ihre Verbreitung und ihre möglichen Auswirkungen für Mensch und Umwelt. Eine nachhaltige Chemikalienpolitik muss deshalb nach dem Vorsorgeprinzip handeln und nicht erst reagieren, wenn ein Stoff eindeutig als gefährlich erkannt ist. Dann ist es häufig schon zu spät. Entscheidend ist die Frage: Warum bringen wir Stoffe in Umlauf, deren Risiken wir noch nicht ausreichend kennen?

 

Die Menschheit bringt neue Stoffe schneller in die Umwelt, als sie deren Auswirkungen kontrollieren kann. Genau darin liegt die besondere Brisanz der chemischen Verschmutzung: Sie verändert die Bedingungen, unter denen Ökosysteme funktionieren – und gefährdet damit die natürlichen Grundlagen menschlichen Lebens.

 

Die Folgen können erheblich sein. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gingen 2019 weltweit schätzungsweise zwei Millionen Todesfälle und 53 Millionen verlorene gesunde Lebensjahre auf die Exposition gegenüber ausgewählten Chemikalien zurück. Die tatsächliche Belastung dürfte noch höher liegen, weil längst nicht für alle relevanten Stoffe und Wirkungen ausreichend Daten vorliegen.3

 

Die drei großen Umweltkrisen hängen zusammen

Klimawandel, Biodiversitätsverlust und chemische Verschmutzung werden häufig getrennt betrachtet. In Wirklichkeit verstärken sie sich gegenseitig.
Die chemische Industrie benötigt große Mengen Energie und fossiler Rohstoffe. Der Chemiesektor ist weltweit der drittgrößte industrielle Verursacher direkter CO₂-Emissionen – nach Eisen/Stahl und Zement.4 Hinzu kommen Emissionen und Umweltwirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette: von der Gewinnung fossiler Rohstoffe über die Produktion und Nutzung chemischer Produkte bis hin zu deren Entsorgung.

 

Gleichzeitig belastet chemische Verschmutzung die biologische Vielfalt. Pestizide können Insekten und andere Nichtzielorganismen, wie Nützlinge schädigen. Schadstoffe gelangen in Gewässer und Böden, und langlebige Substanzen können sich in Nahrungsketten anreichern. Geschwächte Ökosysteme wiederum sind weniger widerstandsfähig gegenüber den Folgen des Klimawandels.

 

Das bedeutet: Wer Klima und Artenvielfalt schützen will, kann die Chemikalienfrage nicht ausklammern. Eine Klimapolitik, die lediglich den Energieverbrauch betrachtet, greift ebenso zu kurz wie ein Naturschutz, der Schadstoffe und Produktionsweisen ausblendet. Die drei großen Krisen haben gemeinsame Ursachen: hoher Verbrauch von Energie und Rohstoffen, eine strikt auf Wachstum ausgerichtete Produktion und ein Wirtschaftssystem, das Folgekosten auf Umwelt und Gesellschaft abwälzt.

 

Wer die Schäden verursacht, darf die Rechnung nicht der Gesellschaft überlassen

Chemische Verschmutzung ist nicht nur ein ökologisches und gesundheitliches Problem, sondern auch ein wirtschaftliches. Krankheiten, Produktivitätsverluste, kontaminierte Böden und Gewässer, aufwendige Sanierung sowie der Verlust von Ökosystemleistungen verursachen Kosten, die häufig von der Allgemeinheit getragen werden.

 

Die Chemieindustrie muss deshalb stärker für die Folgen ihres Handelns in die Verantwortung genommen werden. Wer gefährliche Stoffe produziert oder in Verkehr bringt, sollte nicht nur für sichere Produktionsbedingungen sorgen, sondern auch dazu beitragen, Risiken entlang der gesamten Liefer- und Wertschöpfungskette zu vermeiden und die Kosten von Schäden nicht auf Beschäftigte, betroffene Gemeinden oder die Allgemeinheit abzuwälzen.

 

Eine konsequente Chemikalienpolitik muss daher mehr leisten als Grenzwerte für einzelne Stoffe festzulegen. Sie muss Produktion, Handel, Verwendung und Entsorgung über den gesamten Lebenszyklus betrachten. Dazu gehören transparente Informationen, wirksame Kontrollen, die Anwendung des Verursacherprinzips und eine klare Priorität für sichere Alternativen.

 

Denn es ist politisch absurd, die Schäden durch Umweltverschmutzung mit Milliardenaufwand zu bekämpfen, anstatt deren Entstehung konsequent zu verhindern. Die gesundheitlichen und ökologischen Schäden bleiben dann häufig dort zurück, wo Produkte für den Weltmarkt billig hergestellt werden.

 

Die Vereinten Nationen haben deshalb 2022 das Recht auf eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt ausdrücklich als Menschenrecht anerkannt. Dieses umfasst nicht nur saubere Luft und sauberes Wasser, sondern auch die natürlichen Lebensgrundlagen, von denen Gesundheit, Ernährung und ein menschenwürdiges Leben abhängen. Wer Menschen Schadstoffen aussetzt und Trinkwasser, Böden und Nahrungsgrundlagen verunreinigt, berührt deshalb auch eine Menschenrechtsfrage.

 

Der GFC ist ein Anfang – aber noch kein globaler Schutzschirm

Mit dem Globalen Rahmenwerk für Chemikalien (GFC) gibt es einen internationalen Rahmen für einen besseren Umgang mit Chemikalien und Abfällen. Der GFC ist Nachfolger des 2006 beschlossenen SAICM (Strategischer Ansatz für ein Internationales Chemikalienmanagement) und wurde 2023 auf der fünften Internationalen Konferenz für Chemikalienmanagement in Bonn verabschiedet. Das Rahmenwerk umfasst fünf strategische Ziele und 28 konkrete Zielvorgaben und betrachtet den gesamten Lebenszyklus von Chemikalien – von der Herstellung über die Nutzung bis zur Entsorgung.

 

Das ist ein wichtiger Fortschritt. Doch der GFC ist kein völkerrechtlich bindender Vertrag. Anders als etwa die Klimarahmenkonvention verpflichtet er Staaten nicht zu rechtlich durchsetzbaren Emissions- oder Produktionsgrenzen. Er setzt vor allem auf politische Absprachen, Zusammenarbeit und freiwillige Umsetzung.

 

Genau hier liegt die politische Herausforderung: Chemische Verschmutzung ist global, ihre Regulierung aber noch immer stark national und sektoral organisiert. Der GFC sollte deshalb nicht als Endpunkt verstanden werden, sondern als Ausgangspunkt für eine stärkere globale Chemikalienpolitik, die auch eine seit Jahrzehnten hoch profitable globale Chemieindustrie finanziell in die Pflicht nimmt und am Aufbau dringend notwendiger Kapazitäten für einen sicheren Umgang mit gefährlichen Stoffen in den ärmsten Ländern der Welt beteiligt.

 

Wenn Klimarahmen und internationale Biodiversitätsabkommen eine zentrale Rolle in der internationalen Umweltpolitik spielen, muss auch die Chemikalienpolitik auf vergleichbare politische Bedeutung gehoben werden. Denn die drei großen Krisen bedingen einander und können nur gemeinsam gelöst werden. Ein starkes globales Rahmenwerk sollte deshalb dauerhaft politisches Gewicht, eine verlässliche Finanzierung und messbare Ziele erhalten sowie eng mit den Klima-, Biodiversitäts- und Gesundheitsinstitutionen der Vereinten Nationen verzahnt werden.

 

Manuel Fernandez – Der Autor arbeitete 20 Jahre im NGO-Bereich zum Thema chemische Verschmutzung und nachhaltiger Umbau der Chemieindustrie. Aktuell ist er im Unruhestand wieder als freier Journalist aktiv und ansprechbar.

Quellen

1 Wang, Z.; Walker, G. W.; Muir, D. C. G.; Nagatani-Yoshida, K. (2020): Toward a Global Understanding of Chemical Pollution: A First Comprehensive Analysis of National and Regional Chemical Inventories. Environmental Science & Technology 54(5), 2575–2584.

2 Stockholm resilience Centre: Novel entities.

3 World Health Organization (WHO): Chemical safety.

4 International Energy Agency (IEA): Chemicals / Transforming Industry through CCUS.

 

Kategorien: Allgemein
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