Geschlechtergerechtigkeit im Chemikalienmanagement

Von der Initiierung zur gemeinsamen Wirkung der Gender & Chemicals Partnership

Ob Aspirin oder Herzmedikamente – immer wieder zeigen Studien, dass geschlechtsspezifische Unterschiede bei Wirkung und Nebenwirkungen von Medikamenten eine Rolle spielen. Was im Gesundheitsbereich zunehmend ins Bewusstsein rückt, gilt jedoch für Chemikalien allgemein: Ihre Wirkungen können sich nach Geschlecht unterscheiden.. Doch noch immer fehlen an vielen Stellen Daten und Wissen zu geschlechtsspezifischen Expositionen und Auswirkungen. 2023 gründete sich deshalb die Gender & Chemicals Partnership, um ein gender-responsives Chemikalienmanagement international zu fördern. Drei Jahre später reflektieren wir über erste Aktivitäten, Herausforderungen und Erfolge.

 

Chemikalienexposition ist nicht geschlechtsneutral. Biologische Unterschiede – etwa in Hormonhaushalt oder Fettverteilung – können die Wirkung von Chemikalien beeinflussen; manche Stoffe entfalten sogar geschlechtsspezifische Wirkungen, etwa wenn bestimmte endokrine Disruptoren bei Frauen mit Brust-, bei Männern mit Hodenkrebs in Verbindung gebracht werden.1 Hinzu kommen soziale Faktoren: Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Beruf und Haushalt führt zu unterschiedlichen Expositionswegen.2 Wer Chemikalienrisiken wirksam begrenzen will, muss diese Unterschiede mitdenken – etwa bei Risikoanalysen, Gefahreninformationen und Arbeitsschutz. Dennoch ist das Wissen bis heute lückenhaft und gender-disaggregierte, d.h. nach Geschlechtern getrennt erhobene und ausgewertete Daten und Forschung fehlen vielfach.

 

Von politischem Anspruch zu praktischer Umsetzung

Politisch ist die Verbindung zwischen Geschlechtergerechtigkeit und Chemikalienmanagement bereits seit der Pekinger Frauenrechtskonferenz von 1995 bekannt. In den vergangenen Jahren hat das Thema durch das Engagement von Frauenorganisationen und den Ansatz feministischer Außenpolitik an Aufmerksamkeit gewonnen: Sowohl die Übereinkommen von Basel, Rotterdam und Stockholm als auch die Minamata-Konvention über Quecksilber und das Globale Rahmenwerk über Chemikalien (GFC) sehen die Entwicklung (inter-)nationaler Gender-Aktionspläne vor. Im GFC ist Geschlechtergerechtigkeit zudem als zentrales Prinzip verankert. Ähnliche Diskussionen finden im laufenden Prozess zum neuen Weltchemikalienrat (ISP-CWP) statt. Die Umsetzung eines gender-responsiven Chemikalienmanagements ist also längst gefordert – in der Praxis bleibt sie jedoch die Ausnahme. Was fehlt, ist eine systematische, akteurs- und sektorübergreifende Umsetzung, die Wissenslücken schließt und Geschlecht als Kategorie nutzt, um Politikmaßnahmen wirksamer zu gestalten.

 

Zugleich entstehen diese Fortschritte in einem schwierigen politischen Klima: Anti-Gender-Bewegungen erstarken, Programme zur Frauen- und Genderförderung werden in zahlreichen Ländern gekürzt und die verbindliche Verankerung von Genderaspekten in internationalen Verhandlungen gestaltet sich zunehmend schwieriger. Zusätzlich konkurriert das Thema Chemikalienmanagement mit multiplen globalen Krisen um Aufmerksamkeit und Ressourcen. In einem solchen Umfeld gewinnt organisierte, akteursübergreifende Zusammenarbeit an Bedeutung, da sie Kontinuität und Rückhalt für ein sonst leicht von der politischen Agenda verdrängtes Thema schafft. Auf der fünften Weltchemikalienkonferenz (ICCM5) 2023 in Bonn wurde deshalb die Gender & Chemicals Partnership (G&CP)3 gegründet, die sich international dafür einsetzt, Geschlechtergerechtigkeit und die Rolle von Frauen und Mädchen im Chemikalien- und Abfallmanagement zu stärken.

 

Gemeinsam wachsen, Wirkung entfalten

Die organisierte Zusammenarbeit der G&CP hat einen Namen: Multi-Akteurs-Partnerschaften bringen Akteur:innen aus mindestens drei dieser Bereiche – Staat, Industrie, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft – zusammen, um langfristig und gleichberechtigt an einem gemeinsamen, gemeinwohlorientierten Ziel zu arbeiten. Sie eignen sich damit besonders für komplexe, multisektorale Aufgaben wie ein gender-responsives Chemikalienmanagement.

 

Nach der Gründung der G&CP stand zunächst der Aufbau gemeinsamer Arbeitsstrukturen im Mittelpunkt. Mit der ersten jährlichen Versammlung wurden 2024 ein repräsentativ besetzter Vorstand und Arbeitsgruppenleitungen gewählt, ein Governance-Dokument verabschiedet und gemeinsame Ziele vereinbart. Seither arbeiten vier Arbeitsgruppen zu Genderdaten und -informationen, internationalen Politikprozessen, (Weiter-)Bildung sowie nationaler und regionaler Umsetzung. Koordiniert wird die Partnerschaft durch das beim Multi-stakeholder Processes for Sustainable Development e.V., kurz MSP Institute, angesiedelte Sekretariat.

»Wertschätzung und persönlicher Austausch sind wichtige Voraussetzungen für langfristiges Engagement. Gerade angesichts der angespannten politischen Stimmung ist es wichtig, Beteiligung so zu gestalten, dass sie wirksam und motivierend bleibt, ohne die Kapazitäten der Beteiligten zu überfordern.«

Aus einer kleinen Gruppe von Gründungsmitgliedern ist inzwischen eine Partnerschaft mit 29 Partner:innen aus verschiedenen Sektoren und Weltregionen entstanden. Zunehmend ist die G&CP international präsent und stärkt Genderperspektiven durch Side Events und die Teilnahme an Prozessen wie dem GFC, ISP-CWP und der UN-Umweltversammlung. Die breite Beteiligung unterschiedlicher Stakeholdergruppen an unseren Veranstaltungen zeigt, dass das Thema über einzelne Interessengruppen hinaus Unterstützung findet. Zugleich bietet die G&CP Raum für strategischen Austausch, fördert ein gemeinsames Verständnis zentraler Begrifflichkeiten und macht den Nutzen eines gender-responsiven Chemikalienmanagements sichtbar.

 

Zu den ersten Meilensteinen zählen die Mitwirkung am Entwurf des Gender-Aktionsplans des GFC4, dessen Verabschiedung bei der ersten Internationalen Konferenz (GFC IC1) im November 2026 ansteht, sowie der Launch der Gender & Chemicals Knowledge Platform5 im Juli 2026, die erstmals Wissen an der Schnittstelle von Gender und Chemikalien bündelt und den Austausch von Daten, Good-Practice-Beispielen und Umsetzungshilfen fördert. Mit einem Projekt zur Fortbildung europäischer GFC- und ISP-CWP-Focal-Points vermittelt die G&CP zudem Wissen zu Gender und Multi-Akteurs-Ansätzen und unterstützt nationale Implementierungsaktivitäten sowie die Vernetzung der Beteiligten.

 

Zwischen Ambition und begrenzten Kapazitäten

Diese ersten Schritte waren nur durch das besondere Engagement vieler einzelner Mitglieder möglich, denen das Thema besonders am Herzen liegt und die viel Zeit und Energie investiert haben. Die Vielfalt an Stakeholder:innen ist eine der größten Stärken der G&CP, stellt sie aber auch vor Herausforderungen: Unterschiedliche fachliche Perspektiven, Arbeitsweisen und Erwartungen zusammenzubringen, erfordert Zeit und Geduld. Für viele ist die Mitarbeit eine Zusatzaufgabe neben dem Arbeitsalltag; hinzu kommen wechselnde Rollen und neue Partner:innen, die ihren Platz erst finden müssen. Gleichzeitig ist es nicht immer einfach, die Wirkung der Partnerschaft sichtbar und messbar zu machen – besonders wenn ihr Beitrag darin besteht, Menschen zusammenzubringen oder politische Prozesse langfristig zu beeinflussen.
Auch finanzielle Ressourcen sind begrenzt: Vielfältigen Ideen stehen projektbezogene Fördermittel gegenüber, die nicht auf langfristige Multi-Akteurs-Zusammenarbeit ausgerichtet sind. Das zunehmend schwierige politische Klima verschärft diese Herausforderung zusätzlich. Eine zentrale Aufgabe besteht somit darin, die ambitionierten Ziele der G&CP mit den verfügbaren Kapazitäten und Ressourcen in Einklang zu bringen.

 

Aus Erfahrung lernen, Zukunft gestalten

Eine wichtige Erkenntnis aus den ersten Jahren ist: Entscheidend sind konkrete, realisierbare Arbeitsschritte und klar definierte Rollen. Künftig sollen deshalb ein gemeinsamer Arbeitsplan und Wirkungslogik helfen, Prioritäten zu setzen, Arbeitsgruppen aufeinander abzustimmen und den Beitrag der Partnerschaft sichtbarer zu machen. Gleichzeitig braucht eine Multi-Akteurs-Partnerschaft Zeit für Beziehungspflege. Wertschätzung und persönlicher Austausch sind wichtige Voraussetzungen für langfristiges Engagement. Gerade angesichts der angespannten politischen Stimmung ist es wichtig, Beteiligung so zu gestalten, dass sie wirksam und motivierend bleibt, ohne die Kapazitäten der Beteiligten zu überfordern.

 

Für die weitere Entwicklung der G&CP bedeutet das, die Partnerschaft inhaltlich wie strukturell weiter zu stärken: also neue, strategisch wichtige Partner:innen zu gewinnen, die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft – etwa über das ISP-CWP – auszubauen und teils ideologisch geführte politische Debatten stärker auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu lenken. Zudem soll Gender stärker in nationale Implementierungsprogramme übersetzt werden. Die G&CP kann hier unterstützen, Erfahrungen auszutauschen, Ansätze an nationale Kontexte anzupassen und Genderperspektiven strukturell zu verankern.
Trotz aller Herausforderungen ist die G&CP bestens gerüstet, um diese Ziele zu verwirklichen – durch engagierte Mitglieder, gewachsenes Vertrauen, eine gemeinsame Strategie und vor allem durch eine geteilte Vision: eine Welt, in der Chemikalien- und Abfallmanagement Geschlechtergerechtigkeit selbstverständlich mitdenkt.

 

Die Autorinnen: Anna Holthaus ist Projektleiterin und Michèle Kolmitz Projektkoordinatorin beim MSP Institute e.V. Gemeinsam koordinieren sie das Sekretariat der Gender & Chemicals Partnership.

 

Quellen:

1 Orellana, M. (2024): Report of the Special Rapporteur on the implications for human rights of the environmentally sound management and disposal of hazardous substances and wastes: Gender and hazardous sustances. United Nations General Assembly, A/79/163. Online unter: https://www.ohchr.org/en/documents/thematic-reports/a79163-gender-and-hazardous-substances-report-special-rapporteur
2 ILO (2021): Exposure to hazardous chemicals at work and resulting health impacts: A global review. Online unter: https://www.ilo.org/sites/default/files/2024-07/wcms_811455%20%284%29.pdf
3 MSP Institute (2025): The Gender & Chemicals Partnership. YouTube-Video, veröffentlicht am 20. April 2025. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=NnCVsZzsTEk
4 Gonzalez Anaya, M. E. (2025): Development of a Gender Action Plan: Integration and review of existing information. UNEP/GFC/OEWG.1/INF/6, 20. Online unter: https://wedocs.unep.org/rest/api/core/bitstreams/435ffd12-cc13-4ff7-95bd-08dc5c8b421e/content
5 Gender & Chemicals Knowledge Platform: www.genderchemicalsknowledge.com

Kategorien: Allgemein
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