Global Burden of Disease

Für einen Planeten frei von Schäden durch Chemikalien und Abfälle

Das Globale Rahmenwerk zu Chemikalien (GFC) trägt sein Ziel bereits im Namen: Für einen Planeten frei von Schäden durch Chemikalien und Abfälle. Gemeint sind dabei nicht nur Schäden an Umwelt und Ökosystemen. Der Schutz der menschlichen Gesundheit gehört zu den zentralen Zielen des 2023 in Bonn verabschiedeten Rahmenwerks. Wenn im November in Genf die erste Internationale Konferenz des GFC zusammentritt, wird deshalb auch die Frage im Mittelpunkt stehen, wie gesundheitliche Auswirkungen von Chemikalien künftig besser erfasst werden können – und wie sich feststellen lässt, ob die globale Chemikalienpolitik tatsächlich zu weniger Erkrankungen und Todesfällen führt.

 

Mehrere der 28 Ziele des GFC betreffen unmittelbar den Schutz der menschlichen Gesundheit und die Verringerung gesundheitlicher Risiken durch Chemikalien. Bis 2030 sollen beispielsweise alle Länder Zugang zu Giftinformationszentren mit den notwendigen Kapazitäten zur Prävention und Behandlung von Vergiftungen haben. Ein anderes Ziel fordert bessere Monitoring- und Überwachungsdaten darüber, welchen Chemikalien Menschen tatsächlich ausgesetzt sind.
Auch die Verbindung von Chemikalienpolitik und allgemeiner Gesundheitsvorsorge wird ausdrücklich hergestellt. Ein Ziel stärkt die Synergien zwischen dem Management von Chemikalien und Abfällen und anderen Politikbereichen. Ein für die erste Internationale Konferenz vorgeschlagener Indikator soll erfassen, wie viele Staaten die Prävention von Chemikalienrisiken und Umweltgesundheit in entsprechende Strategien und Programme integrieren. In der Begründung werden ausdrücklich nichtübertragbare Erkrankungen wie Krebs, Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen sowie neurologische Entwicklungs- und Immunstörungen genannt.

 

Ein weiterer Bereich ist die Gesundheit am Arbeitsplatz. Das GFC fordert wirksame Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen in allen relevanten Sektoren und entlang der Lieferketten. Vorgeschlagene Indikatoren erfassen unter anderem die Ratifizierung einschlägiger Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sowie nationale Arbeitsschutzprofile, die auch chemische Gefährdungen und damit verbundene Berufskrankheiten erfassen.

 

Gesundheitsbehörden kaum beteiligt

Die menschliche Gesundheit und ihr Schutz spielen eine zentrale Rolle im GFC. Dies spiegelt sich bei den beteiligten Stakeholdern aber nur unzureichend wider. Zwar sind die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und mehrere Organisationen der Gesundheitszivilgesellschaft im GFC-Prozess aktiv. Doch wird der internationale Prozess von staatlicher Seite nur von Umweltministerien und Umweltbehörden getragen. Nationale Gesundheitsministerien und Gesundheitsbehörden sind bislang nicht vertreten. Der Schutz vor schädlichen Chemikalien wird damit noch nicht im gleichen Maße als gesundheitspolitische Aufgabe wahrgenommen, wie es die Ziele des GFC nahelegen.

 

Die internationale Bewegung zur Prävention nichtübertragbarer Erkrankungen (NCDs) ist in der Chemikalienpolitik bislang ebenfalls wenig sichtbar. Dabei werden Umweltverschmutzung und die Exposition gegenüber schädlichen Chemikalien inzwischen auch in der internationalen Gesundheitspolitik als vermeidbare Risikofaktoren anerkannt. Die 2025 verabschiedete UN-Erklärung zu NCDs fordert ausdrücklich Maßnahmen gegen umweltbedingte Gesundheitsrisiken, darunter die Exposition gegenüber Blei sowie gefährlichen und synthetischen Chemikalien.

 

Eine stärkere Verzahnung von Chemikalien- und Gesundheitspolitik liegt daher nahe. Der Gesundheitssektor könnte auch beim GFC eine entscheidende Perspektive einbringen, denn epidemiologische Daten zeigen das Ausmaß von Erkrankungen und Todesfällen sowie die damit verbundenen Belastungen für Menschen, Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften. Genau hier setzt einer der übergeordneten Indikatoren des GFC an: die globale Krankheitslast (Global Burden of Disease).

 

Global Burden of Disease

Die globale Krankheitslast, die auf Chemikalien und Abfälle zurückzuführen ist, spielt als übergeordneter Gesundheitsindikator im GFC eine besondere Rolle. Er soll über die Umsetzung einzelner Maßnahmen hinaus zeigen, ob die gesundheitliche Belastung durch Chemikalien weltweit tatsächlich zurückgeht.

 

Die Krankheitslast wird dabei nicht nur anhand von Todesfällen gemessen. Mit den sogenannten Disability-Adjusted Life Years (DALYs, Lebensjahre ohne Einschränkungen) werden sowohl durch vorzeitigen Tod verlorene Lebensjahre als auch mit gesundheitlichen Einschränkungen gelebte Jahre berücksichtigt. Dadurch lassen sich die gesundheitlichen Auswirkungen unterschiedlicher Risikofaktoren miteinander vergleichen.

 

Die bislang häufig zitierte WHO-Schätzung zeigt zugleich die Bedeutung und die Grenzen dieses Ansatzes. Für 2019 konnte die WHO rund zwei Millionen Todesfälle und 53 Millionen verlorene gesunde Lebensjahre (DALYs) auf ausgewählte Chemikalienexpositionen zurückführen. Das entsprach 3,6 % aller Todesfälle und 2,1 % der weltweiten Krankheitslast. Die WHO betont jedoch, dass nur für eine kleine Zahl chemischer Stoffe ausreichende Daten für eine solche Berechnung vorliegen. Es handelt sich deshalb nicht um eine Schätzung der gesamten Krankheitslast durch Chemikalien, sondern um den bislang messbaren Ausschnitt.

 

Zwei Millionen – nur die Spitze des Eisbergs

Das zeigt sich bereits an der Zusammensetzung der WHO-Schätzung. Knapp die Hälfte der rund zwei Millionen Todesfälle im Jahr 2019 entfielen allein auf Bleiexposition und die daraus resultierenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Weitere große Anteile entfielen auf berufliche Expositionen gegenüber Stäuben, Dämpfen und Gasen sowie krebserzeugenden Stoffen. Dass gerade diese Belastungen so prominent erscheinen, bedeutet aber nicht automatisch, dass andere Chemikalien gesundheitlich unbedeutend wären. Für sie fehlen häufig vergleichbar belastbare Daten über Exposition und Dosis-Wirkungs-Beziehungen.
Mittlerweile gibt es aktualisierte Daten, die mehr als 3,5 Millionen Todesfälle auf Bleiexposition zurückführen – fast viermal so viele wie in der WHO-Schätzung für 2019.

 

Um eine Krankheitslast berechnen zu können, muss bekannt sein, wie stark die Bevölkerung exponiert ist und wie sich mit zunehmender Exposition das Erkrankungsrisiko verändert. Diese Informationen werden mit den Erkrankungs- und Todesfallzahlen verknüpft, um den zurechenbaren Anteil zu bestimmen. Fehlen ausreichende Expositionsdaten oder belastbare Dosis-Wirkungs-Beziehungen, bleibt ein Teil der möglichen Krankheitslast in solchen Berechnungen unsichtbar.

 

»Je besser die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen von Chemikalienbelastungen sichtbar werden, desto mehr können sie in politische Entscheidungen einfließen. Eine stärkere Beteiligung des Gesundheitssektors könnte damit dazu beitragen, Chemikalienpolitik stärker als Gesundheitspolitik zu verstehen.«

 

Eine bessere Datenlage kann die quantifizierte Krankheitslast daher zunächst sogar erhöhen – nicht unbedingt, weil die reale Belastung steigt, sondern weil bislang nicht erfassbare Zusammenhänge sichtbar werden. Gleichzeitig müssen auch Veränderungen in die andere Richtung abgebildet werden können. Wenn Belastungen durch Verbote, Substitution oder andere Schutzmaßnahmen sinken und ausreichend gute Zeitreihen vorliegen, sollte langfristig auch eine sinkende zurechenbare Krankheitslast messbar werden. Der High-Level-Indikator im GFC könnte damit sowohl das Ausmaß gesundheitlicher Belastungen durch Chemikalien als auch Fortschritte bei ihrer Verringerung sichtbar machen.

Die Krankheitslast besser erfassen

Genau an diesen Datenlücken wird inzwischen gearbeitet. In Europa untersucht die Partnerschaft für die Bewertung von Chemikalienrisiken (PARC), wie sich die Krankheitslast für weitere Chemikalien und Gesundheitswirkungen belastbarer bestimmen lässt. Untersucht werden beispielsweise Zusammenhänge zwischen den sogenannten Ewigkeitschemikalien PFAS und Infektionskrankheiten sowie zwischen Cadmium und chronischen Nierenerkrankungen.

 

Entscheidend ist jedoch, die Voraussetzungen dafür zu verbessern, dass weitere Chemikalien überhaupt belastbar in Krankheitslastberechnungen aufgenommen werden können. Dafür braucht es sowohl verlässliche Erkenntnisse über die Zusammenhänge zwischen Exposition und Gesundheitswirkungen als auch bessere Daten darüber, wie stark die Bevölkerung tatsächlich belastet ist. Gerade bei diesen Expositionsdaten könnte Human Biomonitoring künftig eine wesentlich größere Rolle spielen.

 

Human Biomonitoring als Grundlage

Im Human Biomonitoring (HBM) werden Chemikalien oder ihre Abbauprodukte beispielsweise in Blut oder Urin gemessen. Anders als die Messung eines Schadstoffs in Luft, Wasser oder Lebensmitteln zeigt das HBM damit, was tatsächlich im menschlichen Körper angekommen ist.

 

Aufbauend auf früheren europäischen Projekten soll das Human Biomonitoring nun dauerhafter auf europäischer Ebene verankert werden. Im Rahmen des europäischen Ein Stoff, Eine Bewertung-Ansatzes ist eine unionsweite HBM-Studie nun rechtlich vorgeschrieben. ECHA und EFSA sollen gemeinsam mit der Europäischen Umweltagentur bis Januar 2030 eine Studie in Auftrag geben, die alle EU-Mitgliedstaaten umfasst.

 

Gleichzeitig arbeitet PARC an gesundheitsbasierten HBM-Richtwerten. Denn zu wissen, dass sich eine Chemikalie im Blut oder Urin befindet, beantwortet noch nicht die Frage, wie eine gemessene Konzentration gesundheitlich einzuordnen ist. Solche Richtwerte sollen dabei helfen, Belastungen im Verhältnis zu gesundheitlich abgeleiteten Beurteilungswerten zu bewerten.

 

Noch weiter geht die 2026 gegründete Exposome Alliance. Sie fordert einen europäischen Exposom-Datenraum, der Gesundheitsdaten systematisch mit Daten über Umweltbelastungen sowie Verhaltens- und soziale Faktoren verknüpft. Zugleich schlägt die Allianz eine langfristige Kohortenstudie mit zehn Millionen Teilnehmenden vor, in der Umwelt-, Chemikalien-, biologische und soziale Expositionen über den Lebensverlauf erfasst werden. Damit könnten Zusammenhänge zwischen Expositionen und Erkrankungen besser verstanden und eine wichtige Grundlage für gezieltere Prävention geschaffen werden.

 

Solche Ansätze könnten auch für die Umsetzung des GFC wichtige Impulse geben. Je besser die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen von Chemikalienbelastungen sichtbar werden, desto mehr können sie in politische Entscheidungen einfließen. Eine stärkere Beteiligung des Gesundheitssektors könnte damit dazu beitragen, Chemikalienpolitik stärker als Gesundheitspolitik zu verstehen – und entschlossener gegen vermeidbare Expositionen vorzugehen.

 

Florian Schulze – Der Autor ist Geschäftsführer des European Network for Environmental Medicine und ist im Bereich des Umwelt- und Gesundheitsschutzes aktiv.

Kategorien: Allgemein
Erhalten Sie die neuesten Analysen, Positionen und Veranstaltungshinweise des Forum Umwelt und Entwicklung. Abonnieren Sie unseren Newsletter!