Grenzenlos toxisch
Hochgefährliche Pestizide stehen einer nachhaltigen Entwicklung entgegen
Hochgiftig, krebserregend, irreversibel die Umwelt belastend – hochgefährliche Pestizide (HHPs) stellen eine ernsthafte Bedrohung für die Gesundheit von Millionen von Menschen und die Umwelt dar. Seit Jahrzehnten weisen Expert:innen auf die Notwendigkeit, Machbarkeit und Nutzen hin, diese Gruppe der besonders schädlichen Pestizide vom Markt zu nehmen und durch nachhaltigere Alternativen zu ersetzen. Mit der Einigung auf die Gründung einer Globalen Allianz für Hochgefährliche Pestizide (GAHHPs) hat das Globale Rahmenwerk für Chemikalien (GFC) einen zentralen Impuls gegeben, den Ausstieg aus dem Einsatz von HHPs weltweit voranzubringen. Jetzt gilt es, auf dem Papier vereinbarte Ziele umzusetzen.
Alle Pestizide dienen dazu, unerwünschte Organismen zu schädigen oder abzutöten, aber nicht alle Pestizide sind gleich giftig. Die Substanzen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer akuten und chronischen Toxizität, ihres Verhaltens in der Umwelt und ihrer gewollten und ungewollten Wirkungen. HHPs machen zwar nur einen vergleichsweise kleinen Teil der weltweit eingesetzten Pestizide aus, verursachen allerdings einen überproportionalen Anteil der gesundheitlichen und ökologischen Schäden. Aus Sicht des UNICEF, des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, ist der fortgesetzte Einsatz von HHPs trotz bekannter Risiken besonders besorgniserregend: Neben Beschäftigten in der Landwirtschaft sind es Kinder und Heranwachsende, die in besonderer Weise gefährdet sind.1
»Neuste wissenschaftliche Erhebungen ergaben, dass es weltweit zu mehr als 400 Millionen unbeabsichtigten akuten Pestizidvergiftungen pro Jahr kommt, von denen rund 11.000 tödlich enden. Die meisten der nicht tödlichen Vergiftungsfälle ereignen sich in Südasien und Ostafrika. Weltweit sei nahezu die Hälfte der Beschäftigten in der Landwirtschaft betroffen.«
Als hochgefährlich gelten nach der gemeinsamen Definition der Welternährungsorganisation (FAO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Pestizide, von denen nach international anerkannten Klassifizierungssystemen bekannt ist, dass sie besonders hohe akute oder chronische Gefahren für die Gesundheit oder die Umwelt darstellen. Ist eins der acht HHP-Kriterien erfüllt, gilt ein Pestizid als hochgefährlich. Dazu zählen Pestizide, die in geringsten Mengen tödlich wirken können, chronisch krankmachen und Krebs verursachen oder die Fortpflanzung, Fruchtbarkeit oder das Erbgut schädigen können. Auch problematische Umweltwirkungen werden – wenn auch begrenzt – bei den Kriterien berücksichtigt.
Da es von offizieller Seite bislang keine HHP-Substanzliste gibt, nutzten Stakeholder weltweit die seit 2009 wiederholt überarbeitete HHP-Liste des Pestizid Aktions-Netzwerks (PAN). Diese berücksichtigt neben den FAO/WHO-Kriterien ergänzende Kriterien, wie eine hohe inhalative Toxizität und hormonschädigende Eigenschaft.2
Pestizidvergiftungen sind ein globales Gesundheitsproblem
HHPs werden mit erheblichen Schädigungen von Menschen in Verbindung gebracht und spielen sowohl bei den unbeabsichtigten als auch den beabsichtigten Vergiftungen eine traurige, herausragende Rolle.
Die gesundheitlichen Folgen reichen von akuten Vergiftungen bis zu langfristigen Erkrankungen. Gefährdet sind insbesondere in der Landwirtschaft Beschäftigte im Globalen Süden und Menschen, die in der Nähe intensiv bewirtschafteter Flächen leben. Dabei können gesundheitliche Belastungen während oder in Folge der Herstellung, des Transports, der Lagerung und Anwendung von Pestiziden auftreten. Zudem können Menschen über kontaminierte Böden, Wasser und Lebensmittel mit den giftigen Substanzen in Kontakt kommen. Trotz mangelhafter Erfassung und Dokumentation von Vergiftungsfällen lässt sich das Ausmaß weltweiter Pestizidvergiftungen abbilden: Neueste wissenschaftliche Erhebungen ergaben, dass es weltweit zu mehr als 400 Millionen unbeabsichtigten akuten Pestizidvergiftungen pro Jahr kommt, von denen rund 11.000 tödlich enden. Die meisten der nicht tödlichen Vergiftungsfälle ereignen sich in Südasien und Ostafrika. Weltweit sei nahezu die Hälfte der Beschäftigten in der Landwirtschaft betroffen.3 Hinzu kommen vorsätzliche Vergiftungen: Die WHO geht davon aus, dass 15 bis 20 % der weltweiten Suizide durch die beabsichtigte Einnahme akut toxischer Pestizide verübt werden – bis zu 140.000 Todesfälle jährlich.4
Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Diskussion über HHPs nicht allein eine Frage effizienter Chemikalienregulierung ist. Sie ist eine Frage von Humanität, Solidarität mit den Menschen, die uns mit Lebensmitteln versorgen, der öffentlichen Gesundheit, der sozialen Gerechtigkeit und der Verantwortung entlang globaler Lieferketten.
HHPs und Menschenrechte
Die Risiken von HHPs berühren unmittelbar grundlegende Menschenrechte, darunter das Recht auf ein Leben in Würde, körperliche Unversehrtheit, eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt sowie Kinder- und Arbeitsrechte.
Lange bevor die UN-Vollversammlung 2022 den Zugang zu einer sauberen, gesunden und nachhaltigen Umwelt zum allgemeinen Menschenrecht erklärte, mahnten UN-Expert:innen wiederholt Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit Pestizidanwendungen an, insbesondere in Ländern des Globalen Südens. Dabei standen HHPs und ihre Exporte in diese Länder wiederholt in der Kritik.
HHPs können die Gesundheit von Menschen direkt gefährden, indem sie zu akuten Vergiftungen führen oder chronisch krankmachen. Das Recht auf Gesundheit ist zudem gefährdet, wenn Informationen über die schädlichen Auswirkungen von Pestiziden nicht verfügbar, unzugänglich oder schwer verständlich sind. Dies betrifft insbesondere Kleinbäuer:innen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Auch die Exporte von Pestiziden, die aus Gesundheits- oder Umweltgründen in den Exportländern verboten wurden, tragen dazu bei, dass universelle Menschenrechte in den Importländern verletzt werden.
Die UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Nahrung stellte bereits 2017 fest, dass gefährliche Pestizide erhebliche Kosten verursachen und katastrophale Auswirkungen auf Umwelt, Gesundheit und Gesellschaft haben, wodurch zahlreiche Menschenrechte beeinträchtigt und bestimmte Gruppen wie Landarbeiter:innen, Kinder sowie einkommensschwache und marginalisierte Gruppen, insbesondere in Entwicklungsländern, einem erhöhten Risiko ausgesetzt seien.
Das Recht auf Leben oder Gesundheit zu garantieren, umfasst die staatliche Verpflichtung, ein Umfeld zu schaffen, das Überleben und gesunde Entwicklung – insbesondere von Kindern – bestmöglich gewährleistet. Der ungehinderte Zugang zu HHPs kann dieses Recht gefährden, etwa durch versehentliche oder vorsätzliche Pestizidvergiftungen oder dadurch, dass der Zugang zu sicherem Trinkwasser, unbelasteten Lebensmitteln oder einer gesunden Umwelt nicht gewährleistet wird.
Die Beseitigung und Vermeidung von Gefahren, etwa durch ein Verbot von HHPs, ist der wirksamste Weg, Pestizidexpositionen und -vergiftungen zu verhindern. Erfahrungen aus Sri Lanka, Südkorea und Bangladesch zeigen, dass HHP-Verbote zu einem deutlichen Rückgang der Todesfälle durch vorsätzliche und unbeabsichtigte Vergiftungen geführt haben.5 Der Ausstieg aus der Verwendung von HHPs ist somit ein wesentlicher Schritt zur Wahrung mehrerer Menschenrechte.
HHPs raus, nicht-chemische Lösungen rein
Das GFC sieht mit seinem A7-Ziel vor, HHPs in der Landwirtschaft bis 2035 schrittweise aus dem Verkehr zu ziehen, sofern die Risiken nicht eingedämmt wurden und sicherere sowie erschwingliche Alternativen zur Verfügung stehen. Dabei ist wichtig, dass ein gefährlicher Stoff nicht durch einen anderen ersetzt wird, der sich später als ähnlich problematisch erweist. Die FAO- und PAN-Expert:innen warnen ausdrücklich vor dieser sogenannten Regrettable Substitution. Stattdessen sollen nicht-chemische Maßnahmen gefördert werden. Darum geht das A7-Ziel Hand in Hand mit dem Ziel D5, das bis 2030 von Regierungen erwartet, Maßnahmen und Programme umzusetzen, um sicherere und nachhaltigere landwirtschaftliche Praktiken wie Agrarökologie, integrierten Pflanzenschutz und den Einsatz nicht-chemischer Alternativen stärker zu fördern. Dass bei den letzten Verhandlungen noch ein „soweit dies angemessen ist“ als Abschwächung in den Zieltext reinverhandelt worden ist, zeigt den Widerstand einiger Stakeholder dagegen, sich vom gängigen chemie-intensiven Agrarmodell abzuwenden und sich diverseren Anbaumodellen, die besser für die Gesundheit, die Umwelt und das Klima resilienter sind, zuzuwenden.
Um das Ziel eines HHP-phase-outs umzusetzen, wurde die Bildung der Globalen Allianz für Hochgefährliche Pestizide als freiwillige Multi-Stakeholder-Initiative beschlossen: Seit Sommer 2026 können sich Regierungen, Vertreter:innen aus Wissenschaft, Gesundheitswesen, Zivilgesellschaft, Landwirtschaft, Gewerkschaften und Privatwirtschaft und andere um eine Mitgliedschaft bewerben. Auf der ersten Internationalen Konferenz (IC1) soll der offizielle Startschuss für die Arbeit der Allianz fallen. Es ist zu hoffen, dass insbesondere bei Regierungen die Bereitschaft für eine Mitarbeit noch steigen wird. Vielleicht lockt der für die IC1 geplante Informationsstand der Allianz hier noch mehr Bewerber, auch aus Ländern des Globalen Nordens. Die Allianz kann zu einer wichtigen Plattform werden, um Wissen auszutauschen, nationale Maßnahmen zu unterstützen, erfolgreiche Ausstiegsstrategien sichtbar zu machen und die Entwicklung sowie Verbreitung sicherer Alternativen zu beschleunigen. Ihre Bedeutung wird allerdings davon abhängen, ob aus freiwilliger Kooperation konkrete Veränderungen in Landwirtschaft, Regulierung, Beratung, Handel und Finanzierung entstehen.
Susan Haffmans – Die Autorin ist Referentin für Pflanzenschutz und internationale Kooperation bei PAN Germany.
Quellen:
1 UNICEF (2026): Underestimated and Overlooked. The Silent Impact of Pesticides on Children.
2 PAN International List of Highly Hazardous Pesticides
3 Boedeker W. et al. (2026): Worldwide unintentional acute pesticide poisonings: reassessing the occupational and non-occupational burden. Front. Public Health. Vol. 14.
4 WHO (2024): Preventing suicide by phasing out highly hazardous pesticides.
5 Utyasheva L., Bhullar L. (2021): Human Rights Perspective on Pesticide Exposure and Poisoning in Children: A Case Study of India. Health Hum Rights, S. 49-61.
