Kein Plastik auf unserem Teller!

Warum Plastik nicht die Schnittstelle zwischen Nahrung und unseren Körpern sein sollte

Wer heute einkauft, kommt an Plastik kaum noch vorbei: Rund zwei Drittel aller Lebensmittel und Getränke stecken in Kunststoffverpackungen. Doch dieses Plastik gibt winzige Partikel und chemische Stoffe an unsere Nahrung ab – und damit in unsere Körper. Die Kampagne „Lebensmittel ohne Plastik für alle!“ von Exit Plastik fordert deshalb: Plastikfreie Alternativen müssen für alle Menschen verfügbar und bezahlbar sein. Eine Petition an Bundesumweltminister Carsten Schneider soll die Politik zum Handeln bewegen.

 

Wer schon einmal versucht hat, plastiksparend einzukaufen, kennt es: An Plastikverpackungen führt beim Lebensmitteleinkauf aktuell kaum ein Weg vorbei. Bei einem Einkauf stapeln sich im Einkaufswagen in Kunststofffolie verpacktes Gemüse, Joghurt im Plastikbecher, Nudeln in der Plastikverpackung, Käse und Fleisch in Kunststoffschalen und Wasser in der PET-Flasche. Unsere Nahrung ist standardmäßig von Kunststoff umhüllt. Rund 66 % der Lebensmittel und Getränke in deutschen Supermärkten werden in Kunststoff verkauft. Bei Fleisch und Fisch sind es etwa 84 %, bei Molkereiprodukten 83 % und bei Getränken 80 %.1

 

Kein Entkommen – der Aufbau eines plastikabhängigen Vertriebssystems

Heute dominiert Plastik unseren Lebensmitteleinkauf. Noch in den 1950er-Jahren wurden Lebensmittel überwiegend lose oder in Glas, Papier und Metall verkauft. Der Thekenverkauf, Pfandgläser und lose Ware waren selbstverständlich. Mit der massenhaften Einführung von Einwegkunststoffen seit den 1960er-Jahren begann der Aufstieg der Kunststoffverpackungen. Mehrweg- und Thekensysteme wurden systematisch zurückgedrängt. Vor allem durch den Aufstieg der Discounter in den 1980er-Jahren wurden Plastikverpackungen schließlich zum Standard im Lebensmitteleinzelhandel. Dabei begünstigte die Standardisierung von Verpackungen und Produkten im Zuge der Zentralisierung der Logistik und angesichts langer Lagerzeiten die Verbreitung kunststoffbasierter Verpackungen weiter.

 

In den letzten 30 Jahren trugen Convenience-Produkte, To-Go-Angebote, Einzelportionen und automatisierte Logistik dazu bei, dass sich die Menge an Kunststoffverpackungen in Deutschland auf rund 3,22 Millionen Tonnen verdoppelt hat – hauptsächlich durch Lebensmittelverpackungen.2 Wir haben es heute mit einem hochgradig plastikabhängigen Vertriebssystem zu tun, dem sich Verbraucher:innen kaum noch entziehen können.

 

Wie Plastik unsere Körper verschmutzt

Kunststoff ist nicht stabil. Er zerfällt, reibt ab und gibt Stoffe ab – auch an die Lebensmittel, mit denen er in Berührung kommt. Aus Kunststoffverpackungen können winzige Mikro- und Nanoplastikpartikel sowie eine Vielzahl weiterer chemischer Bestandteile in unsere Nahrung gelangen.3 Im Alltag passiert dies beim Drücken, Knicken und Öffnen der Verpackung, beim Transport, beim Einfrieren oder Erhitzen.

 

Über unsere Nahrung können Mikro- und Nanoplastik und chemische Stoffe aus den Verpackungen in unsere Körper gelangen. Einmal in unserem Körper können kleinste Partikel biologische Barrieren überwinden und sich im Organismus verteilen.4 Forschende haben sie längst in nahezu allen Organen nachgewiesen: vom Gehirn bis hin zur Plazenta ungeborener Kinder. Und es verdichten sich die wissenschaftlichen Hinweise auf daraus resultierende Gesundheitsrisiken. Dazu gehören Entzündungsreaktionen, das erhöhte Risiko chronischer Erkrankungen sowie Schädigungen der Atemwege, der Verdauungsorgane und des Fortpflanzungssystems. Mögliche Bezüge gibt es auch zu Herz-Kreislauf-, Immun- und Stoffwechselerkrankungen.5 Die Belastung wächst jeden Tag. Das Vorsorgeprinzip ist im deutschen und EU-Recht fest verankert. Es bedeutet: Bei plausiblen Risiken für Gesundheit oder Umwelt müssen vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden, bevor der letzte Beweis vorliegt. Genau diese Situation liegt hier vor.

 

Eine Frage der Gerechtigkeit

Hinsichtlich der Belastung durch Plastik aus Lebensmittelverpackungen gibt es eine soziale Schieflage. Denn besonders Menschen mit geringem Einkommen kaufen überwiegend dort, wo Plastik am dominierendsten ist: in Discountern. Frischetheken, lose Ware und Mehrwegangebote fehlen dort fast vollständig – günstige Eigenmarken stecken nahezu ausnahmslos in Einwegplastik.

 

Bei kleinem Geldbeutel sind plastikfreie Alternativen kaum eine Option. Sie sind vornehmlich in Bioläden, Unverpacktgeschäften oder auf Wochenmärkten zu finden, häufig teurer und aufgrund ihrer Lage in besser situierten Stadtteilen schlechter erreichbar. Wer weniger Geld hat, ist im Alltag stärker Plastik und damit höheren Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Plastikfreiheit darf aber kein Luxus sein.

 

Die gute Nachricht: Es geht auch ohne!

Gerade bei Lebensmittelverpackungen gibt es ein hohes Potenzial zur Verpackungsvermeidung. Auf unnötige Verpackungen, zum Beispiel bei Obst und Gemüse, könnte direkt verzichtet werden. Als Pioniere des Wandels machen Unverpacktläden zudem vor, wie Abfüllsysteme und -stationen im Supermarkt aussehen könnten. Mehrwegsysteme aus Glas sind bei Getränken und Molkereiprodukten bereits seit Jahrzehnten erprobt. Notwendig ist, dass die richtigen politischen Rahmenbedingungen gesetzt werden, um diese Alternativen systematisch auszubauen, in die Breite zu tragen, Preisgleichheit zu schaffen und verbindlich für alle zugänglich zu machen.

 

 

Jetzt mitmachen!
Angesichts der alarmierenden wissenschaftlichen Befunde ist politisches und wirtschaftliches Handeln zur Vorsorge dringend geboten. Weiter abzuwarten wäre ein Wegsehen auf Kosten der Gesundheit von Millionen Menschen. Die Kampagne „Lebensmittel ohne Plastik für alle!“ wird vom zivilgesellschaftlichen Bündnis Exit Plastik getragen und fordert in einer Petition an die Bundesregierung: Alle Menschen in Deutschland müssen die Möglichkeit haben, Lebensmittel ohne Kunststoffverpackungen in gängigen Supermärkten und Discountern kaufen zu können – ohne Preisaufschlag. Jede Unterschrift erhöht den politischen Druck. Denn eines ist sicher: Ein Ernährungssystem, das niemanden gefährdet, entsteht nicht von allein – es braucht viele Stimmen, die es einfordern.
Petition unterzeichnen und teilen: https://exit-plastik.de/lebensmittel-ohne-plastik/

Die Autorin – Carla Wichmann ist Koordinatorin des Exit Plastik-Bündnisses.

 

Quellen:

1 Retail Economics & DS Smith (2024): The Material Change Index.
2 Cayé N. et al. (2024): Aufkommen und Verwertung von Verpackungsabfällen in Deutschland im Jahr 2022.
3 Fauroux M., Boucher J., Perreard S. (2026): From Pack to Plate: A Global Assessment of Micro- and Nanoplastics Migrating from Food Packaging into Food. Earth Action.|Geueke B. et al. (2023): Systematic evidence on migrating and extractable food contact chemicals. Critical Reviews in Food Science and Nutrition.
4 FAO (2022): Microplastics in food commodities.
5 Xia H. et al. (2026): Human Exposure to Micro- and Nanoplastics: Trans-Barrier Transport, Tissue Accumulation, and Health Risks.

Kategorien: Allgemein
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