Rodrigues-Birkett versus Grynspan

Wer wird die neue UN-Generalsekretärin?

Seit dem 25. November 2025 konnten UN-Mitgliedstaaten Kandidat:innen für das ab 2027 neu zu besetzende Amt der UN-Generalsekretärin nominieren. Erstmals könnte dieses höchste UN-Führungsamt von einer Frau bekleidet werden. Die Wahl findet in multilateral schwierigen Zeiten statt, bietet aber auch einen interessanten Einblick in die Strukturen der Vereinten Nationen und in die Erwartungen, die Menschen weltweit an deren zukünftige Führung stellen.

Bei der Wahl der UN-Generalsekretärin kommt dem UN-Sicherheitsrat eine außerhalb der UN eher unbekannte Rolle zu. Der UN-Sicherheitsrat empfiehlt der UN-Generalversammlung eine:n Kandidat:in für das Amt, den die UN-Generalversammlung dann ernennt. Mindestens neun der 15 Mitglieder müssen für einen Sicherheitsratsbeschluss für die oder den Kandidat:in stimmen. Zudem darf kein Veto eines der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats (Permanent 5; P5: China, USA, Großbritannien, Frankreich, Russland) vorliegen.

Die formale Entscheidungsgewalt liegt somit beim UN-Sicherheitsrat mit besonderen Rechten derP5. Die UN-Generalversammlung könnte die empfohlene Person zwar zurückweisen; von dieser Möglichkeit wurde jedoch noch nie Gebrauch gemacht.

In der Praxis muss die ausgewählte Person sowohl von den Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats als auch den restlichen Mitgliedstaaten akzeptiert und anerkannt sein. Einerseits sollte sie die Interessen der großen und finanzmächtigen Mitgliedsstaaten austarieren, andererseits die Vielfalt der UN-Mitgliedsorganisationen vertreten.

In der UN-Charta ist nicht festgelegt, wie der UN-Sicherheitsrat zu einer Entscheidung kommen soll. Die Auswahl erfolgt zwar auf Grundlage der fachlichen Eignung, jedoch hat der UN-Sicherheitsrat keine klaren Kriterien hierfür festgelegt. Die UN-Generalversammlung hat 2015 deswegen einen Verfahrensrahmen geschaffen, der qualitative Auswahlkriterien, fachliche Eignung, Zukunftsvision und öffentliche Rechenschaftspflicht einbezieht. Grundlegende Elemente des Auswahlverfahrens sind seitdem ein gemeinsames Schreiben der Präsidentschaften der Generalversammlung und des UN-Sicherheitsrats mit dem Aufruf an die Mitgliedstaaten, Kandidat:innen zu nominieren, ihre Namen und Lebensläufe zu veröffentlichen sowie öffentliche interaktive Dialoge mit ihnen zu führen, an denen auch Zivilgesellschaft teilnehmen kann.

Mehr Transparenz in die Wahl

António Guterres war der erste UN-Generalsekretär, der sich 2016 diesem offeneren Auswahlverfahren gemeinsam mit weiteren zwölf Kandidat:innen stellte. Bei dieser Wahl wurde erstmals auch die Forderung nach einer UN-Generalsekretärin laut sowie einer regionalen Rotation. Dies wurde mit der Wahl von Guterres nicht erfüllt – der große Kritikpunkt zu Beginn seiner Amtszeit.

Die interaktiven Dialoge führten bisher zu keiner offiziellen Rangliste oder einvernehmlichen Bewertung der Kandidat:innen. Auch der UN-Sicherheitsrat hat bisher keine Präferenz kommuniziert. Zwei Probeabstimmungen hat der UN-Sicherheitsrat jedoch bereits durchgeführt. Dabei konnten die Mitglieder die Kandidat:innen mit Zustimmung“ (encourage), Ablehnung (discourage) oder keine Meinung (no opinion) bewerten. Auf Wunsch der Mehrheit der derzeit gewählten Mitglieder des UN-Sicherheitsrats wurden dabei nur die Verteilung der Stimmen, nicht aber die individuellen Abstimmungsergebnisse offengelegt.

Bei der ersten Probeabstimmung Ende Juli lag Rebeca Grynspan vorne, gefolgt von Carolyn Rodrigues-Birkett. Die zweite Abstimmung im August drehte das Ergebnis. Auf dem dritten Platz lag beide Male Rafael Grossi.[i] Eine dritte Abstimmung erfolgte im Rahmen einer hochrangigen Woche der UN-Generalversammlung im September, auch hier lagen die beiden Frauen vorn.

Wer sind Grynspan und Rodrigues-Birkett?

Angesichts dieser interessanten Probeabstimmungen lohnt sich ein Blick auf die beiden aussichtsreichsten Kandidatinnen.

Rebeca Grynspan[ii] (geb. am 14. Dezember 1955 in San José, Costa-Rica) ist Wirtschaftswissenschaftlerin und ehemalige Vizepräsidentin des Landes.  Sie fungiert seit 2021 als erste Frau in dieser Position als Generalsekretärin der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD). Als Kind jüdischer Immigrant:innen aus Polen, deren Großeltern im Holocaust ermordet wurden, wäre sie erste jüdische UN-Generalsekretärin. Vor dem Hintergrund ihrer Herkunft hat sich Grynspan mehrfach für friedensschaffende Politik ausgesprochen. Während ihrer Amtszeit als UNCTAD-Generalsekretärin dokumentierte und kritisierte sie die Organisation zudem die wirtschaftlichen Folgen der israelischen Besatzung für die Palästinenser:innen und das besetzte palästinensische Gebiet. Kontrovers ist allerdings ihre einmalige 40.000 US-Dollar teure Nutzung eines Privatjets während ihrer Zeit beim UN-Entwicklungsprogramm.

Carolyn Rodrigues-Birkett[iii] (geb. am 16. September 1973 in Santa Rosa, Barima-Waini, Guyana) war von 2008 bis 2015 Außenministerin von Guyana. Aus armen Verhältnissen in einem indigenen Dorf kommend, studierte sie dank eines Stipendiums Wirtschaftsadministration in Kanada. Sie wäre nicht nur die erste Frau an der Spitze der UN, sondern auch die erste Person indigener Herkunft und die erste aus der Karibik. Sie selbst spricht davon, dass sie aufgrund ihrer regionalen Herkunft besonders kompromisserfahren sei: Die Karibik-Region besteht aus vielen kleinen Staaten und auch die guyanische Bevölkerung ist stark multi-ethnisch durchmischt. Rodrigues-Birkett will insbesondere den Klimawandel zum Thema ihrer Führungsrolle machen.

Eine für die Völker der Welt

Die weltweite Zivilgesellschaft ist, wahrscheinlich sogar noch mehr als 2016, in die aktuelle Wahl involviert. Die Teilnahme an den im UN-WebTV übertragenen Dialogen war hoch, zahlreiche Organisationen veröffentlichten Einschätzungen zu den Kandidat:innen und reichten Fragen ein.

Die 1 for 8 Billion-Kampagne, getragen von Organisationen aus dem Globalen Süden wie Norden, spricht die Erwartung schon in ihrem Namen aus: Gesucht wird in dem Amt eine Person, die die Interessen der gesamten Weltbevölkerung, der UN-Charta vertritt, deren Präambel mit den Worten „Wir, die Völker“ beginnt, und keine Einzelinteressen von Mitgliedstaaten.[iv] Die erste Bewährungsprobe der neuen UN-Führungsperson sei demnach nicht ihre erste Rede, ein Gipfeltreffen oder eine Krise, sondern die Frage, ob sie dem Druck widerstehen könne, Spitzenpositionen an mächtige Staaten zu vergeben.[v]

Die Kampagne setzt sich zudem explizit für die historische Ernennung einer UN-Generalsekretärin ein.

Herausfordernde Zeiten – nicht das erste Mal

Die neue UN-Generalsekretärin wird ihr Amt in einem komplexen multilateralen Umfeld antreten. Kriege, Krisen, geostrategische Konfrontationen und nicht zuletzt globale Bedrohungen wie der Klimawandel treffen auf eine Organisation, die finanziell unter erheblichem Druck steht. Die Kolumnistin Anchal Vohra von der Zeitschrift Foreign Policy fasste die Herausforderung pointiert zusammen: Die nächste Führung der UN müsse eine „Generalin oder eine Sekretärin“ sein. Damit beschreibt Vohra zwei, sich möglicherweise widersprechende Anforderungen. Die UN braucht eine Führungsperson, die in einer konfliktreichen Welt politisches und moralisches Gewicht entwickelt und die UN als Löserin der Krisen der Welt relevant hält. Gleichzeitig muss die UN-Generalsekretärin diplomatisch genug sein, um die auseinanderdriftende Mitgliedschaft zusammenzuhalten und finanzielle Sicherheiten wiederherzustellen.

Wichtig ist jedoch sich zu erinnern, durch welche Herausforderungen die internationale Zusammenarbeit der Staaten in den acht Jahrzehnten seit Gründung der Vereinten Nationen gegangen ist. Die Spannungen der Großmächte im Kalten Krieg, kriegerische Auseinandersetzungen wie Korea-, Vietnam- und die Golfkriege. Der Zusammenfall des Ostblocks und der Sowjetunion. Die Befreiung und erneute Unabhängigkeit vorheriger Kolonien in Afrika, Asien und Lateinamerika. Der 11. September 2001 und der darauffolgende, zunehmende Aufbau staatlicher Überwachungsstrukturen, teilweise auch von befreundeten Nationen. Der arabische Frühling. Diese und viele weitere Ereignisse haben die UN immer beeinflusst, befördert, gehemmt oder gelähmt.

Besonders an der aktuellen Wahl wird vermutlich eher sein, dass die Aufmerksamkeit auf die Wahl so groß sein könnte wie nie. Menschen weltweit erhoffen sich wieder mehr friedliche Zusammenarbeit und klare Worte für ihre Rechte. Guterres musste sich erst in die Rolle der moralischen Stimmen der Völker gegenüber den Staaten der Welt einfinden. Die neue Generalsekretärin wird diese Zeit vermutlich nicht haben.

 

Die Autorin, Marie-Luise Abshagen, ist kommissarische Ko-Leiterin des Forum Umwelt und Entwicklung und verantwortlich für die Arbeit zu Global Governance und Nachhaltigkeit.

Quellen:

[i] https://1for8billion.org/straw-polls-2026

[ii] Siehe hier den interaktiven Dialog mit Rebeca Grynspan: https://webtv.un.org/en/asset/k12/k12oofhskt

[iii] Siehe hier den interaktiven Dialog mit Carolyn Rodrigues-Birkett https://webtv.un.org/en/asset/k1w/k1wnpi5m6v

[iv] https://1for8billion.org/

[v] https://zeitschrift-vereinte-nationen.de/publications/PDFs/Zeitschrift_VN/VN_2026/Heft_4_2026/00_Editorial_VN__4-2026.pdf

Kategorien: Allgemein
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