Rundbrief II/2019: Neue Gentechnik – Zwischen Labor, Konzernmacht und bäuerlicher Zukunft

Vor wenigen Jahren ging eine Revolution durch die Labore dieser Welt: Mithilfe neuer gentechnischer Verfahren ist es nun möglich, präzise und weitreichender als bisher einzelne Gene im Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen zu verändern. Diese neuen molekularbiologischen Verfahren gehen weiter als herkömmliche Gentechnik und ermöglichen die Bildung genetischer Kombinationen, die in dieser Form nicht durch natürliche Mutation entstehen können. Die Anwendungsfelder neuer Gentechnik sind vielfältig und die Versprechungen der BefürworterInnen reichen vom Schutz der biologischen Vielfalt und menschlichen Gesundheit durch einen geringeren Chemikalieneinsatz auf Feldern, da herbizidresistente Pflanzen gezüchtet werden können, über die Vernichtung von Krankheiten wie Malaria, da Überträgermücken ausgerottet werden könnten, bis hin zu Bekämpfung des weltweiten Hungers. Doch sieht so eine nachhaltige, gesunde Zukunft aus?

 

In dieser Ausgabe wird deutlich, dass es in der Debatte um neue Gentechnikverfahren nicht in erster Linie um molekulargenetische Themen, sondern um landwirtschaftliche und ökologische Fragen geht. Wie kann eine gesunde Ernährung mit den notwendigen Maßnahmen zur Abwehr der Klimakrise oder des dramatischen Artensterbens vereinbart werden? Wie kann die massive Verdrängung bäuerlicher Strukturen im Norden gestoppt und kleinbäuerlich geprägte Agrarsysteme im Globalen Süden unterstützt werden, die mit ihrer Arbeit über 70 Prozent der Welternährung sichern?

Schon heute kontrollieren multinationale Konzerne zu großen Teilen den Saatgutmarkt. Mit dem Einzug der neuen Gentechnik droht jetzt die Entwicklung eines regelrechten Patent-Kartells. Schon die Erfahrungen mit der bisherigen Gentechnik zeigen, dass das Patentrecht der eigentliche Motor der Ernährungskrise war: Mit Patenten können die Konzerne Kontrolle über die Grundlagen der Ernährung erlangen. Wie beherrschende Konzernmacht den Anbau gentechnisch veränderter Nutzpflanzen vorantreibt, zeigt ein Beispiel aus Afrika, dem „Versuchsfeld“ der neuen Gentechnik. Ausgehend vom starken Wunsch, selbst über ihre Ernährung zu entscheiden, kämpft die afrikanische Zivilgesellschaft zunehmend gegen die weitere Festigung der Vorherrschaft großer Agrarunternehmen. Doch hinter den Kulissen lässt die Afrikanische Union zu, dass Biotechnologieunternehmen neue und noch kontroversere Gentechniken der 2. Generation testen.

Doch der Mythos Welternährung bleibt eines der Hauptargumente der BefürworterInnen der neuen Gentechnik. Jedoch reduziert dieses Argument die Lösung der Welternährungsproblematik auf eine technologische Lösung und blendet (bewusst?) aus, dass das Hungerproblem komplex und oft die Folge von Kriegen oder gescheiterter Politik ist – nicht von zu geringer Lebensmittelproduktion. Es braucht ein Neudenken und den Umbau von Anbau- und Verteilungssystemen, um alternativen Landwirtschafts- und Ernährungssystemen weltweit Rückenwind zu verleihen und diese auf eine nachhaltige Grundlage zu stellen.

Wie Sie sehen ist die Debatte um neue Gentechnik im Spannungsfeld zwischen Labor, Konzernmacht und bäuerlicher Zukunft angekommen. Ich wünsche Ihnen eine bereichernde Lektüre.

Ramona Bruck

 

Download des Rundbriefs 2|2019

 

Gedruckte Exemplare  können unter buero@forumue.de bestellt werden.

 

Inhalt & Download einzelner Artikel:

 

 

SCHWERPUNKT

 

Neue Gentechnik – der wirklich allerletzte Schrei?!
AkteurInnen, Themen, Positionen
Friedhelm von Mering

 

Das neue Lieblingswerkzeug der Biotechnologie
Über die wissenschaftlichen Grundlagen der neuen Gentechnikverfahren
Dr. Katharina Kawall

 

Keine Gentechnik durch die Hintertür
Bäuerliche Argumente gegen die alte und neue Gentechnik
Annemarie Volling

 

Rechtliche Grundlagen der neuen Gentechnikverfahren
Das EuGH-Urteil vom 25. Juli 2018
Katrin Brockmann

 

Neue Gentechnikverfahren und Pflanzenzucht
Patente-Kartell für große Konzerne
Dr. Christoph Then

 

Systemwandel statt Hype einzelner Technologien
Die Ökozüchtung als eine Alternative zu industriell-konventioneller Züchtung und neuer Gentechnik
Stefanie Hundsdorfer und Dr. Eva Gelinsky

 

(Neue) Gentechnik und Biodiversität
Wirkungen gentechnisch veränderter Organismen auf die Artenvielfalt
Dr. Martha Mertens

 

Nachwachsende Rohstoffe und Gentechniken
Die chemische Industrie hat ihre eigene Lesart der Bioökonomie
Christof Potthof

 

Gefährliche Scheinlösungen der Agrar-Gentechnik
Mit neuer Gentechnik den Hunger bekämpfen und die Welternährung sichern?
Stig Tanzmann

 

Kolonialherrschaft im neuen Gewand
Afrika als Versuchsfeld für neue Gentechnik
Mariam Mayet

 

Keine präzise „Genomchirurgie“
Medizinische Anwendungen von Genome Editing-Verfahren
Dr. Isabelle Bartram

 

 

AKTUELLES

 

Das bayerische Volksbegehren zur Rettung der Artenvielfalt
Eine Sternstunde der direkten Demokratie und ein historischer Erfolg für den Naturschutz
Martin Geilhufe

 

Zeitenwende
Europawahl 2019
Ernst-Christoph Stolper

 

Schwarze Anzüge, Innovationen und ganz viel China-Angst
Maritime Wirtschaft trifft sich mit der Bundesregierung
Marie-Luise Abshagen

 

Demokratie braucht Meinungsmache
Das Attac-Urteil beschränkt zivilgesellschaftliche Freiräume
Stefan Diefenbach-Trommer

 

 

THEMEN AUS DEM FORUM

 

Zum Schutz der Umwelt und Gesundheit
Die Weltgemeinschaft im Auftrag für eine chemikaliensichere Zukunft
Marijana Todorovic

 

Globalisierung im Rückwärtsgang
Deutschlands Exportmodell als weltwirtschaftlicher Geisterfahrer?
Jürgen Maier

 

Der Kampf ist nicht vorüber!
Der Pazifik bleibt das globale Versuchsfeld für die Jagd auf die Schätze der Tiefsee
Jan Pingel

 

Voll konform, voll transparent?
Erster deutscher Transparenzbericht über Rohstofffragen erhält das Prädikat „EITI-konform“
Josephine Koch

 

Genug herausgeredet!
Zivilgesellschaftliche Erklärung fordert ein Ende des Schattendaseins deutscher Nachhaltigkeitspolitik
Elisabeth Staudt

Kategorien: Rundbriefe Archiv
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