Rundbrief III/2024: Carbon Capture and Storage
Liebe Leserinnen und Leser,

Das vorzeitige Aus der Ampel stand seit Monaten im Raum, jetzt ist es Realität. Zwischen letzten politischen Prestigeprojekten und beginnendem Wahlkampf ist nun unklar, welche Gesetze in dieser Legislaturperiode oder gar noch in diesem Jahr verabschiedet werden und wer über den Weg dahin eigentlich entscheidet.
Bei manchen Gesetzen hatte die Ampel in den letzten Jahren ein solches Eiltempo vorgelegt, dass die erzwungene Unklarheit des Gesetzgebungsprozesses politische Strategien, Bundestagsdebatten, aber auch öffentliche Beteiligung durcheinanderwirbelt, mit offenem Ergebnis. Ein solcher Prozess umfasst die geplante Ermöglichung von Carbon Capture and
Storage (CCS) – der Abscheidung von Kohlendioxid und Deponierung unter dem Meeresboden. Die Carbon-Management-Strategie und die Änderung des Kohlenstoffspeichergesetzes wurden zuletzt in einem atemraubenden Tempo vorangebracht. Bei den Grünen bedeutete das die Abkehr von Haltungen, die noch vor wenigen Jahren als unumstößlich galten. Weil die bisherigen Maßnahmen nicht gegriffen hätten, um die Treibhausgasemissionen signifikant zu senken, bräuchte man CCS, so die Behauptung der Bundesregierung. Insbesondere wegen der (noch immer nicht genau definierten) unvermeidbaren Restemissionen der Industrie gebe es keinen anderen Weg. „Besser im Boden als in der Luft“, hörte man Habeck sagen, als ob es nur diese beiden Optionen gäbe bzw. die fossilen Brennstoffe nicht am allerbesten von vornherein im Boden bleiben sollten. Die Risiken, die mit der Technologie in Verbindung stehen, werden als unwichtig abgetan. Perspektiven aus dem Globalen Süden oder Fragen über die langfristigen Auswirkungen dieses neuen Verwertungs- statt Vermeidungs-Umgangs mit den Emissionen des Globalen Nordens finden kaum Beachtung. Mit diesem Rundbrief wollen wir die aktuelle politische Debatte um einige Einschätzungen und Argumente erweitern.
Ob CCS noch in dieser Wahlperiode ermöglicht wird, lässt sich zum Veröffentlichungszeitpunkt noch nicht sagen. Scheitern würde es aber sicherlich nicht am politischen Umdenken, sondern am Chaos des Regierungs-Aus. Und da fast alle Parteien hinter den falschen Argumenten von CCS stehen und die fossile Lobby aktiv um für ihre CCS-Projekte wirbt, gäbe es so oder so nur einen Aufschub. Gut, dass sich so viel Widerstand gegen CCS regt, so zuletzt in einem offenen Brief mit über 70 unterzeichnenden
Organisationen, Expert:innen und Bürgerinitiativen.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen viel Spaß mit der Lektüre.
Marie-Luise Abshagen und Tom Kurz
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SCHWERPUNKT
Verschiebung von Verantwortung
CCS ist ein neokoloniales Verschmutzungsprojekt
Marie-Luise Abshagen und Tom Kurz
Braucht es CO2 Speicherung für den Klimaschutz in Deutschland?
Eine Diskussion über natürliche Senken und unvermeidbare Restemissionen
Dr. Katja Purr
Carbon Capture and Storage als Reperaturtechnologie
Aus Perspektive der Technikfolgenabschätzung
Prof. Dr. Armin Grunwald
Wie der Wind sich dreht
Habecks CCS-Ministerium
Toni Erdmensch
Das Industrial Carbon Management Forum
Europas Trojanisches Pferd der fossilen Industrie
Belén Balanyá
Verkauf falscher Lösungen
Norwegens CCS-Lobbymacht
Aled Dilwyn Fisher
Ein riskanter neuer Trend
Offshore-Kohlenstoffabscheidung und -speicherung
Lindsay Fenlock
Schauplatz einer Klimalüge
CCS in der Nordsee
Isabel Seeger
Zwischen Geopolitik und fossilen Abhängigkeiten
Bedroht CCS die Energiewende in Indonesien?
Hikmat Soeriatanuwijaya
Damals wie heute
Widerstand von Bürgerinitiativen an der Nordsee gegen CCS
Dr. Reinhard Knof
Die Lüge der Brückentechnologie
Wie blauer Wasserstoff die Energiewende torpediert
Neelke Wagner
Der BECCS Bluff
Negativemissionen sind kein Klimaschutz
Almuth Ernsting und Kerstin Meyer
Mit CCS zur Klimaneutralität?
Wie es zur Renaissance einer umstrittenen Technologie kam
Tobias Haas, Alina Brad und Etienne Schneider
AKTUELLES
Im Kampf gegen schädliche Megaprojekte ausgezeichnet
Die alternative Nobelpreisträgerin Anabela Lemos im Interview
Ulrike Bickel
Der unsichtbare Hunger
Wie die Welternährungskrise an den Rand unserer Wahrnehmung gedrängt wird
Roman Herre und Jan Dreier
Erfolgreiche Hauptversammlung des UN-Welternährungsauschuss
Beispielhafte Verhandlungsführung in Rom
Stig Tanzmann und Jan Dreier
AUS DEM FORUM
Nachhaltigkeitspolitik mit angezogener Handbremse
Eine Bilanz und Perspektiven für das letzte Regierungsjahr der Ampelkoalition
Eileen Roth und Judith Hermann
Nach dem Gipfel ist vor der Konferenz
Der UN-Zukunftsgipfel, Multilateralismus in schwierigen Zeiten und das Geld
Wolfgang Obenland
Chemikalienvielfalt
Positives Framing mit negativen Folgen
Tom Kurz
Schritte zur Umsetzung
Rückblick auf die COP 16 der Biodiversitätskonvention
Friedrich Wulf