Rundbrief IV/2019: Die Geister, die wir riefen | Chemikalien belasten zunehmend Mensch und Umwelt – Zeit zu handeln!

Wo auch immer Sie sich gerade aufhalten; sehen Sie sich gut um, holen Sie tief Luft, fühlen Sie in Ihren Körper. Sehen oder spüren Sie es? Sie sind überall: Chemikalien.

Der Stuhl, auf dem Sie sitzen ist vielleicht mit einem brandhemmenden Stoff imprägniert. Die schicke Outdoorjacke Ihres Nebensitzers wurde eventuell unter Verwendung von per- und polyfluorierten Chemikalien (PFCs) atmungsaktiv ausgerüstet. Sicher haben Sie sich schon die Zähne geputzt und Wasser getrunken – auch darin stecken Chemikalien. Einige mögen sehr nützlich oder harmlos sein. Es gibt aber auch eine ganze Reihe künstlich hergestellter Stoffe, die bedenkliche Nebenwirkungen haben.

Schlechtestenfalls sind sie krebserregend und akut gesundheitsschädlich. Andere Stoffe greifen in den Hormonhaushalt von Mensch und Tier ein und sorgen so für Probleme. Selbst Stoffe, die schon vor Jahrzehnten verboten wurden, finden sich noch überall und reichern sich am Ende der Nahrungskette an. Das heißt in unseren Körpern. Weil die Probleme mit diversen Chemikalien allzu offensichtlich waren und sind – etwa die Folgen von Quecksilberverschmutzung – gibt es seit vielen Jahren Bemühungen in der internationalen Politik, sie wenigstens zu minimieren. Eine ganze Reihe internationaler Konventionen hat bestimmte Stoffe verboten oder den Umgang mit ihnen geregelt, etwa im Rotterdamer Abkommen über den Handel mit gefährlichen Chemikalien, Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln von 1998.

Ein wichtiger Baustein in der internationalen Chemikalienpolitik ist der Strategische Ansatz zum internationalen Chemikalienmanagement (Strategic Approach to International Chemicals Management, SAICM). Dieser 2006 verabschiedete Prozess sollte bis 2020 dafür sorgen, den Umgang mit Chemikalien von der Produktion über die Verwendung bis zur Entsorgung nachhaltig zu gestalten. Da das offensichtlich nicht gelungen ist, steht im Oktober 2020 in Bonn eine große internationale Konferenz an, die einen Folgeprozess aufsetzen soll. Das nehmen wir zum Anlass, in dieser Ausgabe des Rundbriefs einen Schwerpunkt auf den Umgang mit der Chemie zu werfen.

Was die internationale Chemikalienpolitik (nicht) erreicht hat, erläutert ein einführender Artikel. Besonders schwer getan haben wir uns damit, einE AutorIn für einen Überblick über den Zustand und die Herausforderungen der deutschen Chemikalienindustrie zu finden. Alle Anfragen an Leute, die darüber in ihrem ureigensten Interesse Auskunft geben können sollten, waren erfolglos, weswegen wir selbst Hand anlegen mussten. Dafür ist es uns gelungen, AutorInnen zu finden, die einen Blick aus dem globalen Süden auf das Thema werfen. Außerdem behandeln mehrere Artikel die Probleme mit einzelnen Stoffgruppen beziehungsweise Themenkomplexen, wie sogenannte Endokrinen Disruptoren (hormonwirksame Stoffe), Pestiziden, oder Plastik. Komplettiert wird das Bild durch umfassendere Perspektiven: Auch der Umgang mit Chemikalien beziehungsweise ihre Wirkungen sind nicht genderneutral; das Recht auf ein Leben in einer gesunden Umwelt wird berührt und zuletzt geht es um die große Politik.

Wir hoffen, Ihnen damit interessante und womöglich neue Eindrücke verschaffen zu können.

 

In diesem Sinne Ihnen eine gute und spannende Lektüre

Wolfgang Obenland

 

 

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Inhalt

 

SCHWERPUNKT

 

Neustart für nachhaltiges Chemikalienmanagement?
Im Herbst 2020 soll ein SAICM Folgeabkommen verabschiedet werden

Wolfgang Obenland

 

Wachstum, Handel, Nachhaltigkeit?

Die chemische Industrie in Deutschland steht vor einer Reihe gewaltiger Herausforderungen
Redaktionsteam des Rundbriefs

 

Es braut sich eine stille Krise zusammen
Unsolides Chemikalienmanagement in Entwicklungsländern
Gilbert Kuepououo

 

Wachstum als Problemstellung

Herausforderungen für das Chemikalien-Management in Indien

Piyush Mohapatra

 

Hochgefährliche Pestizide im Fokus von SAICM

Über die Notwendigkeit, hochgefährliche Pestizide durch agrarökologische Maßnahmen zu ersetzen

Susan Haffmans

 

 Gift im Kinderzimmer?

HerstellerInnen und EinzelhändlerInnen schützen die VerbraucherInnen nicht vor giftigen Chemikalien in Alltagsprodukten

Olga Speranskaya

 

Mehr als nur ein ästhetisches Problem

Plastik: Symbol für zu viel Chemie

Ralph Ahrens

 

Hormonell schädliche Chemikalien 

Eine Gefahr für Mensch und Umwelt

Alexandra Caterbow, Johanna Hausmann, Susanne Smolka

 

Das Menschenrecht auf eine giftfreie Umwelt

Die am stärksten marginalisierten Menschen zahlen den höchsten Preis für chemische Verschmutzung

Sascha Gabizon

 

Stimmt die Chemie?

Was Chemikalien mit Gender zu tun haben

Johanna Hausmann

 

Die Chemie stimmt nicht

Von der Notwendigkeit einer globalen stoffpolitischen Wende

Manuel Fernandez

 

AKTUELLES

 

Handelspolitik auf Autopilot

Der Anachronismus des Mercosur-Abkommens

Jürgen Maier

 

Agroforstwirtschaft – klimafreundliche Win-win-Option auch in Deutschland

Interview mit Tony Rinaudo über die Integration von Bäumen in landwirtschaftliche Produktionssysteme

 

Sehnsucht nach linken Alternativen 

In Ecuador, Bolivien & Chile flammen überraschend Proteste auf – Erklärungen dafür finden sich in Entwicklungen der letzten Jahre

Katharina Schwirkus

 

Bye bye globales Internet?

Internet Governance zwischen nationalen Interessen und geteilter Verantwortung

Marie-Luise Abshagen

 

THEMEN AUS DEM FORUM

 

Wald in der Klimakrise

Der fahrlässige Umgang der Politik mit dem Wald

László Maráz

 

Mit frischer Kraft endlich vorwärts?

Auf dem Weg zum neuen globalen Biodiversitätsrahmenwerk

Friedrich Wulf

 

Fair übers Meer?

Warum der Seetransport unserer Güter noch immer eine Blindstelle ist

Nelly Grotefendt

 

Die Agrarwende endlich anpacken!

Wir haben es satt!-Bündnis fordert von der Bundesregierung klare Perspektiven und Gelder

für Umbau der Landwirtschaft

Christian Rollmann

 

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Kategorien: Rundbriefe Archiv
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