Das „dirty dozen“ vor dem Aus

ein Berg an Kosmetik
Jessica Johnston / unsplash

Das „dirty dozen“ vor dem Aus

Verhandlungen über Giftstoffe können Fortschritte bringen

Aus Rundbrief 1/2000

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) will mit der POP-Konvention zwölf langlebige und fettlösliche Gifte, wie DDT, Dieldrin und Dioxine, weltweit beseitigen. Diese Stoffe wurden zum Synonym für eine jahrzehntelang verfehlte Agrar- und Chemiepolitik. Sie gelten als krebserregend, beeinflussen das Hormonsystem, unterdrücken das Immunsystem und verursachen Fehlbildungen an Gebärmutter und Eierstöcken [s. auch Kasten]. Für einige dieser Gifte ist Mutterkuchen und Nabelschnur kein Hindernis und sie schädigen daher auch das ungeborene Leben. Es gibt heute keinen POP – freien Menschen mehr, vermutet Theo Colborn vom WWF.

Pestizide und polychlorierte Biphenyle (PCB) wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in großem Maßstab eingesetzt. Die Agroindustrie verlangte für den groß flächigen Anbau nach immer härteren Pestiziden. Und so kamen in den 50er und 60er Jahren Insektengifte wie Endosulfan, Endrin und Toxaphen auf dem Markt. Ebenso stieg weltweit der Bedarf an Elektrizität und damit an Transformatoren. Als Kühl – und Isolierflüssigkeit wurden lange Zeit PCB eingesetzt. Und mit der Wohlstandsgesellschaft wuchs mit dem Abfall auch der Ausstoß an Dioxinen.

POPs hinterlassen ihre Spuren nicht nach dem Verursacherprinzip

Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Bereits Ende der 50er Jahre klagten britische Jäger, dass die Zahl der Otter zurückgeht und diese putzigen Tiere aus einigen Regionen völlig verschwanden. Eine Ursache war, wie sich herausstellte, die Belastung mit dem Dieldrin. In den 60er und 70er Jahren schlugen Umweltaktivisten in den USA und Kanada Alarm, als immer wieder Küken von Seemöwen an den Großen Seen bereits vor dem Ausschlüpfen starben. Der Grund: Ein PCB- haltiger Schadstoffcocktail. Auf solche Schreckensmeldungen reagierten die Politiker in Industrieländern langsam, so auch in Deutschland. Heute dürfen hierzulande jedoch weder PCB noch Pestizide des ‚dirty dozen‘ eingesetzt werden. Und Deutschland hat auch die schärfsten Emissionsgrenzwerte für Dioxine und Furane aus Müllverbrennungsanlagen.

Doch POPs sind Weltenbummler. Auch wenn sie vielerorts nicht mehr eingesetzt oder hergestellt werden, verteilen sie sich – vor allem mit dem Wind – rund um den Globus. Wissenschaftler sprechen von der ‚globalen Destillation‘ dieser Stoffe. Sie verdunsten dort, wo es warm ist, und schlagen sich dort nieder, wo es kalt ist, in den schnee- und gletscherbedeckten Lagen der Hochgebirge, der Arktis und der Antarktis. Heute erreichen DDT-Moleküle, mit denen ein indischer Bauer vor zehn oder 20 Jahren seine Hütte gegen Anopheles-Mücken schützte, oder Dioxin-Moleküle, die schon vor Jahren aus deutschen Schornsteinen entwichen, Alaska, Grönland oder Spitzbergen. Sie gelangen damit in Regionen, wo sie bei extremer Kälte, geringer Sonnenaktivität und geringer mikrobieller Belastung sehr schlecht abgebaut werden. Die Folge: Diese Gifte reichern sich in der polaren Nahrungskette an, an deren Ende neben Eisbären auch Menschen stehen, insbesondere die Inuit (Eskimo), die sich traditionell von Robben und Walen ernähren. So ist die Muttermilch der Inuit in dem Dorf Qikiqtarjuaq an der Ostküste der Baffin-Insel etwa sechs- bis siebenmal höher mit PCB belastet als die Muttermilch von Frauen im Süden Kanadas. Für die Inuit geht es im Kampf gegen die POPs um nichts anderes als um das Überleben ihrer Kultur.

Zahlreiche Altlasten auf Halde

In Entwicklungsländern, den osteuropäischen Ländern und in Russland drohen alte Pestizide, zu einer Zeitbombe zu werden. Einige hunderttausend Tonnen Altlasten sollen weltweit lagern, davon nach Schätzungen der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO allein in Afrika mindestens 20.000 Tonnen. Dramatisch ist auch die Lage in Polen und der Ukraine. Dort werden die Bestände auf 65.000 Tonnen beziehungsweise 23.000 Tonnen geschätzt. Es handelt sich meist um DDT, Dieldrin und Endrin sowie um Insektengifte, die nicht auf der POP-Liste der UNEP stehen, wie Hexachlorcyclohexan – Lindan, HCH – Malathion und Parathion. Diese Chemikalien sind oft über 30 Jahre alt. Sie sollten nicht mehr benutzt werden, weil sie inzwischen verboten wurden, unwirksam geworden sind oder ihr Verfallsdatum längst überschritten sind.

Der Pestizidmüll hat sich aus mehreren Gründen in diesen Ländern angehäuft. Die Schuld liegt keineswegs nur bei den Lieferanten. Oft wurden zu groß e Mengen Pestizide beschafft und auch Mittel, die gar nicht geeignet waren. Sie lagern oft nicht sachgerecht im Freien und sind für jeden zugänglich, so dass Emissionen, Unfälle und Vergiftungen gar nicht zu vermeiden sind. Das Saubermachen hat begonnen. Seit 1993 wurden rund 3.000 Tonnen aus 14 Ländern Afrikas und aus zwei Staaten des Nahen Ostens vernichtet. Die Kosten in Höhe von 24,4 Mio. US-Dollar wurden größtenteils aus Steuermitteln finanziert. Am umweltverträglichsten ist es, die Stoffe in Sondermüllverbrennungsanlagen zu verbrennen. Da solche in Entwicklungsländern fehlen, werden die Fässer nach Europa gebracht. Das alles geschieht aber sehr langsam. Wird das bisherige Tempo der Aufbereitung beibehalten, werden allein die afrikanischen Altlasten nicht vor dem Jahr 2030 beseitigt sein. Die POP-Verhandlungen können dazu führen, dass die Beseitigung beschleunigt wird.

Beim Insektengift DDT steckt das UNEP in einem Dilemma. Denn nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird DDT offiziell in 22 Staaten benutzt, um die Menschen vor Anopheles-Mücken zu schützen, die Überträger der Malariaerreger. Für UNEP- Chef Klaus Töpfer ist klar, solange mit einem völligen DDT-Bann zu warten, bis das Problem gel öst ist. Die WHO glaubt inzwischen, auf DDT verzichten zu können, wenn die ‚DDT -Staaten‘ unterstützt werden. Denn es kostet Geld, Moskitonetze bereitzustellen, Erkrankte angemessen zu behandeln und die Bevölkerung angemessen zu informieren. Das ist ein langwieriger Prozess, der Zeit und Geld kostet. Der Ausstieg aus DDT ließe sich beispielsweise beschleunigen, wenn es einen wirksamen Malaria – Impfstoff gäbe. Offen ist aber, wie die Industrie animiert werden kann, intensiv an einem Impfstoff zu arbeiten. Denn zurzeit lohnt es sich nicht, für arme(?) Asiaten, Afrikaner oder Lateinamerikaner hohe Kosten für die Impfstoffentwicklung zu investieren.

Die Liste ist noch nicht vollständig

Doch das ‚dirty dozen‘ ist nur die Spitze des Eisberges. Greenpeace und andere Umweltverbände vermissen unter anderem folgende Chemikalien auf der POP-Liste: Phthalate, die in Plastikspielzeugen eingesetzten Weichmacher; zinnorganische Verbindungen wie TBT, die als Biozid den Schiffsanstrichen beigemischt werden; synthetische Moschusverbindungen; bromierte Flammschutzmittel oder das Insektengift Lindan (-HCH). Doch möglicherweise ist die POP-Konvention auf dem richtigen Wege. Denn es wird auch über Kriterien verhandelt, um aus der Vielzahl aller Schadstoffe diejenigen herauszufiltern, die ebenso weltweit gebannt werden müssten. Diese Kriterien betreffen die Langlebigkeit in Böden, Sedimenten oder im Wasser, die Bioakkumulierbarkeit und das Potential für den weiträumigen Transport.

Anhand dieser Kriterien sollen weitere POP-Kandidaten identifiziert werden. Es wird erwartet, dass zunächst 50 oder 100 Stoffe im Kriteriensieb hängenbleiben. Aus diesen werden dann die acht oder zehn wichtigsten Stoffe für den weltweiten Bann herausgesucht. Das wird allerdings erst in einigen Jahren geschehen – nach der Ratifizierung der POP-Konvention und während der ersten Vertragsstaatenverhandlungen. Außerdem sollen die POP-Kriterien dazu dienen, neue Chemikalien, die diese Kriterien erfüllen, nicht mehr zuzulassen. Denn, so Töpfer, es soll nicht wieder geschehen, dass die Politik erst nachträglich handelt.

Ralf Ahrends

Der Autor war (bzw. ist) freier Journalist und Mitglied der AG Umwelt, Chemikalien und Ökotoxikologie des BUND.

 

Kommentar

Das dreckige Dutzend ist Geschichte, eine giftfreie Zukunft lässt aber noch auf sich warten

Die Stockholm-Konvention ist die schärfste internationale Konvention zur Regulierung von Chemikalien. International verbindlich werden hier gelistete Stoffe verboten oder reguliert. 2001 mit dem sogenannten „dreckigen Dutzend“ gestartet, umfasst die Stockholm-Konvention mittlerweile über 30 Stoffe. Rund die Hälfte der Stoffe sind als Pestizide genutzt worden.

Und auch wenn weitere Stoffe in die Stockholm-Konvention aufgenommen wurden, auch einige der im Artikel von Ralph Ahrens genannten Stoffe, wie Lindan oder das bromierte Flammschutzmittel Tetrabromodiphenyl Ether, ist die Liste keinesfalls vollständig. Weltweit sind Schätzungen zufolge 350.000 Chemikalien auf dem Markt. Verbindlich und weltweit verbindlich reguliert sind davon über die Stockholm-Konvention, aber auch die Rotterdam-Konvention weniger als 100 Stoffe. Alleine die Stoffgruppe der als Ewigkeitschemikalien bezeichneten PFAS umfasst über 10.000 Stoffe. Drei PFAS sind unter der Stockholm-Konvention reguliert. Nachholbedarf besteht also. Dies gilt auch für die Umsetzung des Verursacherprinzips – diese wurde auch schon im ursprünglichen Artikel als unzureichend ausgewiesen. Das ist es heute immer noch. Insbesondere, wenn wir auf die fehlende Finanzierung für das internationale Chemikalienmanagement blicken. Die eigentlichen Produzenten und Inverkehrbringer beteiligen sich kaum an den Kosten, generieren aber riesige Mengen an Profiten.

Und es wird munter Einfluss genommen, dass die Profite nicht sinken. Erstmals 2025 wurde bei einer Konferenz der Stockholm-Konvention ein bereits aufgenommener und verbotener Stoff – die Plastik-Chemikalie UV-328, die Plastik resistenter gegen Sonnenstrahlung macht – wieder durch die Konferenz besprochen und nachträglich Ausnahmen für die Verwendung hinzugefügt. Dies ist laut zivilgesellschaftlichen Beobachtern auf die Lobbyaktivitäten der Industrie zurückzuführen. Da sich gerade Länder mit einer starken Chemieindustrie eher auf deren Wohlbefinden konzentrieren, statt auf den Schutz von Mensch und Umwelt, können wir nur hoffen, dass dieser Präzedenzfall sich nicht wiederholt.

Tom Kurz

Der Autor ist Referent für Internationale Chemikalien- und Plastikpolitik im Forum Umwelt & Entwicklung.

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