Land Grabbing: Globaler Widerstand formiert sich

Mohanraja C / unsplash

Land Grabbing: Globaler Widerstand formiert sich

Weltweit vernetzen sich Menschen, um gemeinsam gegen den Ausverkauf von Land zu kämpfen

Aus Rundbrief 1/2012

203 Millionen Hektar Land wurden in den vergangenen zehn Jahren von kommerziellen Agrarinvestoren zumeist aus dem Ausland gekauft oder langfristig gepachtet. Zu diesem Ergebnis kamen Ende 2011 Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaftliche Institute und staatliche Entwicklungsdienste, die sich in der so genannten Land Matrix Partnership[i]  zusammengeschlossen haben. Die Größenordnung der betroffenen Ackerflächen entspricht etwa dem sechsfachen der Gesamtfläche Deutschlands. Damit ist das tatsächliche Ausmaß der Landgeschäfte etwa vier- bis fünfmal größer als bislang angenommen. Ein Großteil der Land Deals wurde erst in den vergangenen zwei Jahren abgeschlossen. Während der Ausverkauf von Ackerland rasant voranschreitet, formiert sich in immer mehr Ländern der Widerstand gegen Land Grabbing.

Im November 2011 organisierte der malische Bauernverband Co-ordination nationales des organisations paysannes du Mali (CNOP) gemeinsam mit der internationalen Kleinbauernbewegung Via Campesina und dem West Africa Farmers Network (ROPPA) ein dreitägiges Treffen in Nyéléni (Mali), bei dem sich über 250 Bäuerinnen und Bauern, Vertreter nomadischer Viehalter und indigene Völker aus 30 verschiedenen Ländern über Strategien im Kampf gegen den Ausverkauf von Ackerland austauschten. Es war die erste von betroffenen Kleinbauern und -bäuerinnen selbst ausgerichtete Konferenz, um den Widerstand gegen Land Grabbing zu organisieren.[ii]

Bei der Eröffnungsveranstaltung erklärte Ibrahima Coulibaly, Präsident der National Confederation of Peasant Organisations in Mali: „Das Land gehört den lokalen Kommunen. So war es seit Generationen. Jetzt sind es die Regierungen, die die Bauern von ihrem Land verdrängen. Das ist nicht akzeptabel. Historische Rechte werden missachtet – Rechte, die seit hunderten von Jahren existieren, sie existieren schon länger als viele Staaten. Das macht deutlich, wie wenig die Politik mit den Bedürfnissen der Menschen verbunden ist. Die Situation ist sehr ernst, und deshalb sind wir hier. Wir haben die Möglichkeit in diesen drei Tagen zusammen zu einem gemeinsamen Verständnis über die Problematik zu kommen und Lösungen dafür zu finden.“

Aus allen Teilen der Welt wurde über die verschiedenen Formen von Landaneignung aufgrund von Bergbau-, Forstprojekten, Plantagen des Agrobusiness oder für Naturschutzparks berichtet. Die TeilnehmerInnen waren sich einig, dass der Kampf gegen Land Grabbing auch ein Kampf gegen die zunehmende Kommerzialisierung von Saatgut, Wasser und traditionellem Wissen ist und dazu beitragen muss, kleinbäuerliche Landwirtschaft zu fördern. Während viele internationale Institutionen, wie die Weltbank, aber auch Regierungsvertreter aus den Entwicklungsländern, davon ausgehen, dass die lokale Bevölkerung von den ausländischen Investitionen profitieren könne, wenn die Investoren bestimmte Regeln einhalten, glaubte in Nyéléni kaum einer an diese Win-Win-Theorie. In den geführten Diskussionen lehnten die TeilnehmerInnen Investitionen der privaten Anleger ab, die das industrialisierte, auf Export ausgerichtete, Produktionsmodell manifestieren. Stattdessen war die Forderung nach Ernährungssouveränität und einem generellen Paradigmenwechsel weg von einer industrialisierten Landwirtschaft hin zu einer nachhaltigen, lokal angepassten und bäuerlichen Landwirtschaft allgegenwärtig.

Globalisiere den Kampf! Globalisiere die Hoffnung!

Deutlich wurde auch, dass der Kampf gegen Land Grabbing nicht ungefährlich ist. Viele TeilnehmerInnen berichteten über Repressionen durch lokale Behörden, Polizei oder von den Investoren privat angeheuertem Sicherheitspersonal. Bauern, die sich gegen die Landnahmen wehren, würden zunehmend kriminalisiert. Doch unter dem Motto „Globalize the struggle! Globalize hope!“ waren die Teilnehmer entschlossen, Widerstand gegen Land Grabbing zu leisten und in ihren Ländern dafür zu mobilisieren. In einer gemeinsamen Erklärung wurden unter vier Überschriften konkrete Vorschläge für Aktionen formuliert[iii]:

  • Kapazitäten aufbauen, um lokalen Widerstand zu organisieren (beispielsweise Aufbau einer Datenbank, um Fälle zu dokumentieren und Belege über Prozesse, Akteure und Auswirkungen zu sammeln; Schulung von Gemeinden zu Gesetzen, Rechten, Unternehmen, Verträgen).
  • Verwendung von Rechtsbeistand zur Verteidigung (beispielsweise Entwicklung eigener Rechtshilfesysteme und Zusammenarbeit mit Rechts- und Menschenrechtsexpert:innen).
  • Kampagnenarbeit und Mobilisierung (beispielsweise Institutionalisierung des 17. Aprils als Tag der globalen Mobilisierung gegen Land Grabbing; Schaffung eines „Peoples Observatory“ zum Thema Land Grabbing, um die gemeinsamen Aktivitäten zu koordinieren; Vorlage der Forderungen bei Parlamenten, Regierungen und internationalen Institutionen; Durchführen von Aktionen gegen Unternehmen, Weltbank und anderen multilateralen Entwicklungsbanken, die von Land-Grabbing profitieren; Einforderung von menschenrechtlichen Verpflichtungen bei Regierungen).
  • Aufbau von Allianzen (beispielsweise Netzwerke und Allianzen auf lokaler, regionaler und internationaler Ebene; Aufbau von Bündnissen mit Mitgliedern von Pensionsfonds, um Investitionen in Land zu verhindern; Strategische Allianzen mit Presse und Medien).

Was aus dem Aktionsplan auf nationaler Ebene in die Tat umgesetzt werden kann, bleibt abzuwarten. Die Konferenz in Nyéléni war jedoch ein entscheidendes Momentum, um den Widerstand gegen das globale Phänomen Land Grabbing zu internationalisieren. Die betroffenen Bevölkerungsgruppen haben erkannt, dass sie den Kampf gegen den Ausverkauf von Land nicht alleine bestreiten. Auf allen Kontinenten stehen Menschen vor ähnlichen Problemen und es finden sich zunehmend Fälle, bei denen der Protest gegen Land Grabbing professionell organisiert wird, und bei denen Aktionen, die sich auch in der Nyéléni-Erklärung wiederfinden, bereits umgesetzt werden.

So zog beispielsweise zwanzig Tage lang eine Karawane von Kleinbauern durch verschiedene Regionen Bangladeschs und informierte in Vorträgen, Workshops und Seminaren über Land Grabbing und wie sich Betroffene dagegen wehren können. Organisiert wurde die Karawane von der Koalition asiatischer Kleinbauern „Asian Peasant Coaltion“ (APC). Unter den TeilnehmerInnen waren Bauern aus den Philippinen, Indien, Nepal und Sri Lanka[iv]. Im Südsudan konnte im letzten Jahr durch eine erfolgreiche Kampagne ein Land Deal über 600.000 Hektar aufgehalten werden. Als über Medienberichte bekannt wurde, dass das texanische Unternehmen Nile Trading & Development Inc. das Land für einen Zeitraum von 49 Jahre für gerade einmal 25.000 US-Dollar pachten wollte, schlossen sich traditionelle und offizielle Führungspersonen zusammen, um gemeinsam gegen das Abkommen zu protestieren. Mit Erfolg: Die Staatsregierung kündigte an, die Verhandlungen mit dem Unternehmen einzustellen.[v]

Die Organisationen und Bewegungen in den betroffenen Ländern spielen eine entscheidende Rolle, um den Ausverkauf von Land aufzuhalten. Sie decken Fälle von Land Grabbing auf, informieren die Bevölkerung vor Ort über ihre Rechte und helfen den Betroffenen sich zu organisieren und ihre Rechte einzufordern. Entwicklungspolitische Organisationen in Deutschland können hier ansetzen und dabei unterstützen, den Widerstand gegen Land Grabbing zu formieren.

Evelyn Bahn

Die Autorin war Referentin für Welternährung beim INKOTA-netzwerk und beschäftigt sich vor allem mit den Auswirkungen von Land Grabbing.

Quellen:

[i] In der Land Matrix Partnership haben sich die International Land Coalition, Centre de coopération international en recherche agronomique pour le développement (Cirad), Centre for Development and Environment (CDE) at University of Bern, GIGA at University of Hamburg, Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) seit 2009 zusammengeschlossen, um systematisch Informationen über großflächige Landnahmen zu sammeln und zu verifizieren. Die Zahl von 203 Millionen Hektar basiert auf Informationen über Landgeschäfte mit einer Größe von mehr als 200 Hektar aus verschiedenen Quellen, einschließlich Regierungsberichten, wissenschaftlicher Forschung, Medienberichten und den wenigen verfügbaren Verträgen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Publikation wurden 35 Prozent der Berichte (70 Millionen Hektar) vor Ort verifiziert, wodurch die Autoren aus den daraus generierten Daten einen höheren Anspruch an Zuverlässigkeit ableiten. Berücksichtigt wurden Landakquisitionen für die Sektoren Nahrungsmittel, Agrarkraftstoffe, Holz, CO2-Senken, Abbau von Bodenschätzen, Industrie, Non-Food-Crops und Tourismus.

[ii] Ausführliche Berichte zur Konferenz in Nyéléni unter: http://www.grain.org/es/ bulletin_board/entries/4408-farmers- mobilise-to-find-solutions-against-land- grabbing und http://farmlandgrab.org/post/ view/19727

[iii] An dieser Stelle werden nur Beispiele für Aktionen genannt. Die ausführliche Erklärung gibt es unter www.fian.de/online/ remos_downloads/2011-11_stop_landgrab_ de.466.pdf

[iv] Vgl. www.asianpeasant.org/content/ advance-struggle-end-land-grabbing- declares-asian-farmers-group

[v] Vgl. http://media.oaklandinstitute.org/ success-halting-largest-foreign-land-deal- south-sudan

Kommentar

Land 2026 – Vom Widerstand zur Governance-Frage

Als Evelyn Bahn in ihrem Artikel von 2012 über die mehr als 200 Millionen Hektar dokumentierter Landdeals berichtete, stand der Ausverkauf von Land im Zentrum der Kritik. Vierzehn Jahre später ist das Phänomen nicht verschwunden, sondern komplexer geworden. Die von der Land Matrix erfassten Aneignungen von Land summieren sich weiterhin auf enorme Flächen, doch die Motive haben sich verschoben.

Neben klassischen Agrarinvestor:innen treten heute Staatsfonds, Rohstoff- und Energieunternehmen sowie Akteure der Kohlenstoffmärkte auf. Land wird nicht nur für Nahrungsmittelproduktion gesichert, sondern auch für CO₂-Kompensation, Biodiversitätsprojekte, Solarparks oder Wasserstoffinfrastruktur. Boden ist zur strategischen Ressource im klima- und geopolitischen Spannungsfeld geworden.

Besonders deutlich zeigt sich das in pastoralistischen Regionen Afrikas und Asiens. Mobile Weidesysteme gelten als klimaresilient, geraten jedoch durch Privatisierung von Weideflächen, CO₂-Projekte und Agrarkonzessionen unter Druck.

Marktdynamik allein erklärt diese Prozesse nicht. Land Grabbing ist ohne staatliche Genehmigungen kaum möglich. Regierungen vergeben Konzessionen, ändern Landgesetze oder klassifizieren Gemeindeland als „ungenutzt“. Politische Steuerung wirkt als Türöffner – oder als Schutzmechanismus. Internationale Leitlinien existieren, bleiben jedoch meist freiwillig. Nationale Interessen wie Exportstrategien oder Energiepartnerschaften überlagern häufig menschenrechtliche Verpflichtungen.

Vor diesem Hintergrund fand im Februar 2026 die Internationale Konferenz über Agrarreform und ländliche Entwicklung (ICARRD+20) statt. Dort wurde betont, dass gerechter Zugang zu Land Voraussetzung für Ernährungssouveränität, Klimaanpassung und soziale Stabilität ist. Land dürfe nicht auf einen handelbaren Produktionsfaktor reduziert werden, sondern sei Grundlage von Würde, Identität und Gemeingut. Gefordert wurden die Sicherung kollektiver Landrechte, transparente Governance und verbindliche Beteiligung ländlicher Gemeinschaften.

Damit hat sich die Debatte gegenüber 2012 deutlich verschoben: Nicht nur Investor:innen stehen im Fokus, sondern auch Staaten und multilaterale Institutionen. Land Grabbing ist Ausdruck politischer Entscheidungen.

Aber auch der Widerstand hat sich professionalisiert. Netzwerke dokumentieren Landkonflikte, strategische Prozessführung stärkt Rechte, internationale Allianzen erhöhen den Druck – während Repression gegen Aktivist:innen fortbesteht.

2012 lautete die Frage: Wer verkauft das Land der Kleinbauern und -bäuerinnen? 2026 lautet sie: Wie lassen sich Landrechte in einer Zeit sichern, in der Boden zugleich Nahrungs- uns Rohstoffquelle, Klimaspeicher, Energiefläche und Finanzanlage ist?

Der globale Widerstand hat das Thema auf die Agenda gesetzt. Jetzt geht es um strukturelle Lösungen mit verbindlichen Regeln, die Land als Gemeingut schützen, bevor es zur reinen Spekulationsfläche verkommt.

Josephine Koch

Die Autorin ist Referentin für Rohstoff- und Ressourcenpolitik und Co-Koordinatorin der AG Landwirtschaft und Ernährung beim Forum Umwelt & Entwicklung.

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