Eine Konferenz über die Zukunft

© Stephanie von Becker

Eine Konferenz über die Zukunft

Warum machen wir die Schöne Neue Welt

Aus Rundbrief 3/2018

Die Idee, unseren Blick nun einmal ganz explizit weit in die Zukunft richten, entstand aus der Beobachtung, wie sehr wir und unsere Mitglieder, aber auch der gesamte politische Sektor, vom alltäglichen Klein-Klein bestimmt sind, von Projektantrag zu Zwischenbericht zur Abrechnung und wieder zu Projektantrag taumeln – dabei möchten wir doch eigentlich „die Welt retten“… aber wie? Die Konferenz soll auf kreative Weise Gedanken anregen und den Raum für Diskussionen darüber öffnen, welche Strategien langfristig gesehen tatsächlich zum Erfolg führen.

Auch wenn es verwunderlich klingt, eigentlich ist die Schöne Neue Welt gar keine Konferenz über die Zukunft, denn wir wollen mitnichten darüber spekulieren, wie die Welt wohl irgendwann aussehen könnte – fliegende Autos ganz nach dem Geschmack unserer Digitalministerin oder doch eher ganz autofrei? Luftschlösser zu bauen, überlassen wir anderen. Die Fragen, die uns bewegen, sind: Wie können wir es schaffen, die Zukunft im Interesse von Mensch und Natur aktiv und wirkungsvoll mitzugestalten? Welche Strategien sind erfolgversprechend? Welche nicht? Worin sind wir gut und wie können wir das noch besser nutzen? Und auch: Mit wem können wir Allianzen schmieden?

Mitgestalten und kommunizieren können

Als Zivilgesellschaft haben wir den Anspruch, politische Prozesse im Sinne unserer Mitmenschen und der Natur mitzugestalten. Doch obwohl Umwelt- und Entwicklungsthemen mehr denn je auf der politischen Agenda, in den Medien und im Bewusstsein der Bevölkerung präsent sind, bleiben unsere politischen Erfolge nach wie vor begrenzt. Dafür mag es verschiedenste Gründe geben, aber eins ist klar: Wenn wir viel fordern – vom Verbot von Glyphosat über den Ausstieg aus der Kohle – dann sollten wir auch etwas anzubieten haben. Und damit hadern wir oft noch. Nicht nur unser Vokabular, auch die Bilder, die wir zeichnen, kommen eher der Apokalypse als einer lebenswerten Zukunft nah. Auch das muss Teil unserer Strategie sein: Wer mitgestalten und andere mitnehmen möchte, muss auch verlockende Angebote machen können. Aber wie sieht so eine Kommunikation aus? Darüber sollten wir sprechen.

Mal demonstrieren, mal kooperieren

Wenn es um politische Einwirkungen geht, lautet unser Credo: Pragmatismus vor Ideologie. Einmal kooperieren wir mit der Regierung, beispielsweise im Rahmen der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie, ein anderes Mal mobilisieren wir gegen ihre Politik; unter anderem bei der Wir haben es statt-Demo, bei der NGOs jedes Jahr gemeinsam mit Bäuerinnen und Bauern zu tausenden für gutes Essen und nachhaltige Landwirtschaft auf die Straße gehen. So versuchen wir, mit den gegebenen Umständen und Mitteln möglichst effektiv möglichst viel zu erreichen. Kooperationen, auch mit AkteurInnen, mit denen man nicht immer einer Meinung ist, können sinnvoll sein. Aber es muss auch nicht jede Entscheidung im Konsens getroffen werden – überhaupt, wann wurde die Welt schon mal im Konsens verändert? Nicht bei der Ausrufung der deutschen Republik (passenderweise am 9.11.1918, exakt 100 Jahre vor unserer Konferenz), nicht beim Atomausstieg und ganz gewiss auch nicht bei ‚Stopp TTIP‘. Wichtigstes Ziel sollte sein, sich ganz der Sache zu verpflichten und zu versuchen, mit den uns verfügbaren Mitteln, unserer Rolle als Vertretung der Gesellschaft und der Umwelt gerecht zu werden. Wer können hier unsere Verbündete sein? Auch darüber sollten wir sprechen.

Interessen vertreten

Den Spagat zu schaffen zwischen dem Schutz der Umwelt und der sozialen Frage ist nicht immer einfach. Wenn wir uns auf die Fahnen schreiben, dass wir die Interessen der Natur, aber auch der Menschen hier und überall auf der Welt vertreten, dann müssen wir zunächst einmal zuhören und verstehen, was die Sorgen der Menschen sind. Und dann müssen wir uns die Frage stellen, wer eigentlich noch vom bestehenden neoliberalen System profitiert und wer es aufrechterhält? Wie kann es sein, dass ein System, das so viele Verlierer und so wenige Gewinner produziert und das schon lange nicht mehr im Sinne der Mehrheit der Bevölkerung ist, immer noch stetig weiter pervertiert wird? Wer sind die ProfiteurInnen, wer sind die TreiberInnen? Hierhin müssen wir schauen, wenn wir für die Menschen und ihre Umwelt eintreten sollen. Dort lauert auch die Antwort auf die Frage, wie wir den Neoliberalismus in den nächsten 30 Jahren wieder rückabzuwickeln können. Mit der Schönen Neuen Welt möchten wir den Versuch unternehmen, uns all diesen Fragen zu nähern. Fernab des Alltags möchten wir einen Raum schaffen, wo wir uns auf eine ganz neue Weise den großen strategischen Fragen widmen können. Wo wir uns weiter organisieren und vernetzen können und dann hoffentlich mit ein bisschen mehr Weitblick zurück an den Schreibtisch gehen.

Marijana Todorovic

Die Autorin war Referentin beim Forum Umwelt & Entwicklung und Mitorganisatorin der Schönen Neuen Welt.

 

Kommentar

Eine Zeitreise in die Zukunft

Die Ausgabe 3/2018 des Rundbriefs war eine besondere Nummer: Sie war der Konferenzreader für die außergewöhnlichste Konferenz, die das Forum je gemacht hat. Für die Science-Fiction-Konferenz „Schöne Neue Welt“ trafen wir uns im November im Berliner »Silent Green«. Um zu der Konferenz zu gelangen, wurde man ins Jahr 2048 versetzt. Die Möglichkeit der Zeitreise eröffnete auch die Möglichkeit, prominente Redner aus anderen Zeiten für die Konferenz zu gewinnen: Aldous Huxley, oder Margaret Thatcher, oder Antonio Gramsci.

Wie wird die Welt im Jahr 2048 aussehen? Gibt es sie dann überhaupt noch, oder hat der ständig prognostizierte Weltuntergang bis dahin bereits stattgefunden? Und vor allem: Warum ist sie so geworden, wie sie geworden ist? Die Zukunft präsentierte sich in zwei gegensätzlichen Varianten. Beide, Plan A und Plan B, setzen immerhin voraus, dass die Welt bis dahin nicht untergegangen ist. Nach der mit viel Kultur angereicherten Veranstaltung verstehen wir hoffentlich besser, was wir in der Gegenwart tun müssen, um die Zukunft tatsächlich zukunftsfähig zu machen und nicht nur davon zu reden. Denn: Wenn wir die Zukunft gestalten wollen, statt nur Sachzwängen hinterherzulaufen, müssen wir besser verstehen, wie die Gegenwart geändert werden kann.

Wir beleuchteten kritisch zentrale Elemente der Zukunftsdebatten, so zum Beispiel die Rolle von Szenarien und Prognosen. Schreiben sich alle die Zukunft, die sie wollen, und sobald sie als »Szenario« oder »Prognose« in einer »wissenschaftlichen Studie« erscheinen, dienen sie als sich selbst erfüllende Voraussage? Ein roter Faden war die Macht der Eliten gegen die Macht des Volkes, von dem alle Staatsgewalt ausgeht – Power to the People, Avanti Popolo – ist Populismus Demokratie oder ihr Gegenteil?

Der Glaube an neue Technologien, die alle Probleme lösen, ist wohl so alt wie die Menschheit – auch darum geht es, wenn wir über Zukunft sprechen. Die Angst vor einer Zukunft, die alles über den Haufen wirft, vor Globalisierung, Digitalisierung – und die Rolle von Heimat als einer Konstanten im Wandel: aktueller denn je. Wie sieht der Journalismus der Zukunft aus, gibt es ihn überhaupt noch? Welche Zukunft hat die Umweltbewegung, oder soziale Bewegungen generell?

Wir wagten keine Prognosen, das wäre vermessen gewesen, sondern die Konferenz war ein Labor, bei dem jeweils zwei verschiedene Möglichkeiten zur Debatte standen, eine positive Utopie und eine negative Dystopie. Blickt man acht Jahre später zurück, muss man konstatieren: vieles ist aktueller denn je, aber in anderer Weise als erwartet. In mancherlei Weise ist so mancher Teil der Utopie zur Dystopie geworden, und Utopie und Dystopie präsentieren sich immer öfter nicht mehr als Entweder-Oder, sondern als Sowohl-Als auch.

Wir wissen auch heute nicht, wie die Welt 2048 sein wird. Bis dahin wird noch vieles passieren, was wir nicht voraussehen konnten. 2018 konnten wir weder die Künstliche Intelligenz voraussehen noch die umfassende Re-Militarisierung der Politik. Auch die Corona-Hysterie und die Renaissance des autoritären Staates hatte niemand auf dem Plan.

Jürgen Maier

Der Autor ist ehemaliger Geschäftsführer des Forum Umwelt & Entwicklung.

Erhalten Sie die neuesten Analysen, Positionen und Veranstaltungshinweise des Forum Umwelt und Entwicklung. Abonnieren Sie unseren Newsletter!