Kitsch, Klischees und Weltpolitik

Fels in türkis-grünem Meerwasser
Ricardo Marques / unsplash

Kitsch, Klischees und Weltpolitik

Deutsche Pazifik-Politik und mediale Berichterstattung zur Anerkennung Niues

Seit einigen Jahren rücken die pazifischen Inselstaaten stärker in das Bewusstsein der deutschen Politik und Öffentlichkeit. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der deutsche Außenminister Johann Wadephul im Februar 2026 Tonga besuchte. Es war bereits der dritte Besuch auf Außenminister:innen-Ebene seitdem Wadephuls Vorgängerin Annalena Baerbock im Jahr 2022 als erste deutsche Ministerin überhaupt in einen der pazifischen Inselstaaten reiste. Doch immer noch ist die Sichtweise auf Ozeanien in Deutschland häufig von Unwissen sowie von Klischees, Kitsch und kolonialen Sichtweisen geprägt.

Das zeigt sich insbesondere an der medialen Berichterstattung zu der im Januar vom Bundeskabinett beschlossenen Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Niue. Niue war zuvor das einzige Mitglied des Pazifischen Inselforums (Pacific Islands Forum) – der wichtigsten Regionalorganisation in Ozeanien –, mit dem Deutschland formal noch keine Beziehungen unterhielt. Besiegelt wurde die Aufnahme der Beziehungen während Wadephuls Pazifik-Besuch durch die Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung mit dem Regierungschef Dalton Tagelagi.

Zahlreiche deutsche Redaktionen überschlugen sich mit Meldungen, die viel über fortbestehende Vorurteile und Klischees über den Pazifik in Deutschland verraten. Bedenkt man, wie wenig Berichterstattung es in Deutschland üblicherweise zu den pazifischen Inseln gibt, ist die schiere Menge an Meldungen überraschend, gleichzeitig aber vielleicht auch nachvollziehbar, denn immerhin passiert es nicht alle Tage, dass Deutschland diplomatische Beziehungen zu einem neuen Land aufnimmt.

Kitsch, Klischees und Fehlinformationen

Nicht nachvollziehbar ist hingegen, dass viele der Meldungen – bis hin zu eigentlich seriösen Quellen wie der Tagesschau – regelrecht von Kitsch und Klischees triefen: Immer wieder wird Niue als „Südsee-Paradies“ bezeichnet. Aber natürlich ist Niue ebenso wie jeder andere Ort auf der Welt kein „Paradies“, sondern ein Ort mit realen Herausforderungen. Dazu zählt der Klimawandel, der Niue ebenso wie andere Inselstaaten besonders stark trifft. Aber auch die große wirtschaftliche Abhängigkeit, begrenzte Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten und eine daraus resultierende hohe Abwanderungsquote prägen das nicht wirklich „paradiesische“ Leben vieler Menschen in Niue.

Das „Südsee-Paradies“-Klischee wird auch durch die Bebilderung bedient: Viele Artikel sind „geschmückt“ mit Stock-Fotos traumschöner, palmengesäumter langer Sandstrände – die es so in Niue allerdings gar nicht gibt. Niue ist nämlich eine gehobene Vulkaninsel mit Klippen und Felsen. Lange Sandstrände: Fehlanzeige. Das ist eine sich aus Unwissenheit und mangelnder Recherche speisende Fehlinformation auf der Annahme, alle pazifischen Inselstaaten müssten einem bestimmten Bild entsprechen. Das ist problematisch, denn wer in Deutschland jetzt nach Niue googelt, landet überwiegend auf diesen News-Meldungen aus dem Jahr 2026 und hat es also noch schwerer als zuvor, zutreffende Informationen zu finden.

Ebenfalls auf vielen dieser Stock-Fotos abgebildet sind dem westlichen Schönheitsideal entsprechende Tourist:innen, welche die gar nicht existierenden langen Sandstrände entlang spazieren. Nur, wie man bei manchen dieser Meldungen sogar lesen kann: Niue hat keinen nennenswerten Tourismus. Trotzdem wird in denselben Beiträgen vorzugsweise ausgerechnet die Tourismusbehörde zitiert. Es passt halt so schön ins Klischee. Hat nur nichts mit der Lebensrealität der Menschen vor Ort zu tun.

Die politische Bedeutung der Anerkennung Niues

Mit weniger als 2.000 Einwohner:innen ist Niue ein selbst für pazifische Maßstäbe kleiner Staat. Das Land hat einen Sonderstatus, gilt als weitgehend unabhängig, unterhält aber eine freie Assoziierung mit Neuseeland. Niue ist eigenständiges Mitglied von Regionalorganisationen und Abkommen wie etwa der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen und dem Pariser Klimaabkommen, nicht jedoch der Kernorganisation der Vereinten Nationen (United Nations, UN). Die Cook-Inseln, die denselben politischen Status besitzen wie Niue, hat Deutschland schon 2001 diplomatisch anerkannt. Es ist richtig und überfällig, nun mit dem kleineren Niue ebenfalls Beziehungen aufzunehmen. Aber ganz so bahnbrechend, wie einige Medien es darstellen, ist es nicht.

Viele der Nachrichtenmeldungen rücken die Anerkennung Niues in einen Zusammenhang mit dem Machtkampf zwischen China und den USA, der seit einigen Jahren im Pazifik tobt. Aber auch mit diesem Machtkampf hat die Anerkennung Niues wenig zu tun. Vor allem wird sie diesen kaum beeinflussen. Das liegt einerseits daran, dass man die derzeitige Rolle Deutschlands im Pazifik nicht überbewerten sollte. Gerade in der Zusammenarbeit zum Klimawandel ist Deutschland ein wichtiger Partner, im Machtkampf im Pazifik spielt Deutschland jedoch kaum eine Rolle. Was auch gut so ist. Andererseits liegt es daran, dass auch Niue in diesem Machtkampf keine entscheidende Rolle zukommt. Anders als die Cook-Inseln, die sich in den letzten Jahren trotz ihrer Assoziierung mit Neuseeland stark China angenähert haben, hat Niue kaum nennenswerte Beziehungen zur Volksrepublik.

Geopolitik und ihre Grenzen in Ozeanien

Das soll die Bedeutung von Geopolitik in Ozeanien nicht kleinreden. Es ist – leider – völlig richtig, dass Machtkämpfe zwischen den USA, China und weiteren Staaten sich immer weiter zuspitzen. Dies droht, die Inselstaaten in ihrer Unabhängigkeit einzuschränken und zu spalten. Und könnte auch international negative Folgewirkungen haben. Denn die pazifischen Staaten zählen zu den wichtigsten Fürsprechern einer stärkeren Klimapolitik. Noch schweißt sie die Notwendigkeit zum Handeln zusammen, doch in Folge ausländischer Machteinflüsse tun sich zwischen den Inselstaaten immer deutlichere Gräben auf.

Viele pazifische Inselstaaten haben das Gefühl, sich für eine Seite des Konflikts entscheiden zu müssen. Und damit auch gegen die andere Seite. Letztlich bedeutet das: Unabhängigkeit light. Neokolonialismus 2.0. Dennoch findet sich dieses Bild, diese Erwartungshaltung, die Inselstaaten müssten sich jeweils für eine Seite entscheiden, immer wieder in den Medien, aber auch in wissenschaftlichen Betrachtungen. Das übersieht, dass die meisten der pazifischen Staaten mit allen Seiten gleichermaßen zusammenarbeiten wollen – so wie wir es in Deutschland auch selbstverständlich für uns in Anspruch nehmen. Diese Sichtweise ist aber auch deshalb problematisch, weil die Inselstaaten trotz aller Machteinflüsse immer wieder zeigen, dass sie eigene Prioritäten wie den Klimaschutz haben, die sie auch gegen den Widerstand mächtigerer Staaten mutig vorantreiben. Sie sind eben nicht nur „Opfer“ der Politik anderer. Der Versuch, alles, was im Pazifik passiert, mit geopolitischen Interessen zu erklären, greift zu kurz. Die Inselstaaten sind nicht bloß „Objekte“ im Machtkampf anderer. Inner-pazifische Entwicklungen und Streitigkeiten sowie kulturelle Gemeinsamkeiten erhalten kaum Aufmerksamkeit, prägen das, was in der Region passiert aber ebenso wie die Großmächte.

Deutschland und die pazifischen Inselstaaten

Deshalb ist es erfreulich, dass der deutsche Außenminister während seiner Tonga-Reise nicht mit Äußerungen zur Geopolitik oder mit deutscher Selbstüberschätzung aufgefallen ist, sondern sich auf pazifische Prioritäten wie den Klimawandel konzentrierte. Unter anderem sicherte er den Inselstaaten mehr internationale Unterstützung zu.

Das hat auch strategische Gründe: Zum einen kandidiert Deutschland derzeit für einen nicht-ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Als Land, das sich in der Vergangenheit dafür starkgemacht hat, den Klimawandel auf die Agenda des UN-Gremiums zu setzen, hofft Deutschland bei der Wahl im Juni auf die Stimmen der Inselstaaten. Zum anderen strebt Deutschland an, als strategischer Partner der Pazifik-Region anerkannt zu werden. Im vergangenen Jahr haben die Mitglieder der Inselforums eine Reform ihres Partner-Systems beschlossen. Zu den Kriterien für eine strategisch Partnerschaft zählen die sektorübergreifende Zusammenarbeit mit der gesamten Region, die Fokussierung auf Prioritäten wie den Klimawandel und die Unterstützung pazifischer Ansätze. Deshalb ist es sicherlich kein Zufall, dass Wadephul Tonga und damit den Standort einer neu geschaffenen regionalen Einrichtung zur Stärkung der Klimaresilienz, die als Musterbeispiel für solche pazifischen Initiativen gilt, besucht hat.

Mangelnde Glaubwürdigkeit und Deutschlands koloniales Erbe

Genau hier kommt Niue wieder ins Spiel: wichtiger als die Beziehungen zwischen Deutschland und Niue dürfte für die Bundesrepublik nämlich das Signal an die restlichen Inselstaaten sein, dass Deutschland an einer möglichst breit angelegten Zusammenarbeit mit der Region interessiert ist. Soweit zumindest die Theorie. Denn, ob die Anerkennung Niues und die schönen Worte Wadephuls darüber hinwegtäuschen können, dass Deutschland beim Klimaschutz ein enormes Glaubwürdigkeitsproblem hat, bleibt abzuwarten. Es wäre naiv zu glauben, dass im Pazifik niemand mitbekommen hätte, dass die Bundesregierung ihre aus pazifischer Sicht ohnehin enttäuschende Klimapolitik immer weiter zurückfährt.

Dennoch: es ist gut, dass Deutschland sich dem Pazifik stärker zuwendet. Deutschland ist gut beraten, sich bei seinem Engagement nicht in geopolitische Konflikte hineinziehen zu lassen. Das hängt auch mit der kolonialen Geschichte zusammen. Kaum jemand hierzulande weiß, dass Deutschland vor dem 1. Weltkrieg eine der bedeutendsten Kolonialmächte in Ozeanien war. Papua-Neuguinea, Samoa oder Palau: viele der heute unabhängigen Inselstaaten standen unter deutscher Kolonialherrschaft. Das muss endlich aufgearbeitet werden. Aus Sicht vieler Menschen im Pazifik zählt dazu auch, sich kritisch damit auseinanderzusetzen, warum sich Deutschland bis vor wenige Jahre nahezu gar nicht mehr für Ozeanien interessiert hat. Gerade aufgrund der eigenen Vergangenheit steht Deutschland in einer besonderen Verantwortung, die Eigenständigkeit der Inselstaaten zu unterstützen und sie dabei zu stärken, sich geopolitischen Einflüssen entgegenzustellen.

Auch über die Politik hinaus ist es eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft, Vorurteile, Verallgemeinerungen und völlig aus der Zeit gefallene Vorstellungen zu Ozeanien beiseitezulegen. Niue und die pazifischen Inselstaaten sind kein Paradies. Sie sind aber auch nicht bloß Opfer von Geopolitik und Klimawandel. Und sie entsprechen nicht alle demselben Klischee-Bild, sondern sind unglaublich vielfältig.

Oliver Hasenkamp

Der Autor ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins Pazifik-Netzwerk e.V.

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