Im engen Korridor der Freiheit
Im engen Korridor der Freiheit
Demokratie zwischen Markt, Macht und Zivilgesellschaft
In ihrem preisgekrönten Werk The Narrow Corridor beschreiben die Wirtschaftsnobelpreisträger James A. Robinson, Daron Acemoğlu und Simon Johnson das fragile Gleichgewicht zwischen Staat und Zivilgesellschaft. Freiheit und Fortschritt, so ihre zentrale These, gedeihen nur in diesem schmalen Raum. Doch der Korridor wird enger: Die Räume für zivilgesellschaftliches Engagement schrumpfen rapide.
Der Nobelpreis
2024 erhielten James A. Robinson, Daron Acemoğlu und Simon Johnson den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm würdigte ihre Forschung zu den politischen Grundlagen wirtschaftlicher Entwicklung und zu der Frage, wie Institutionen Wohlstand und Ungleichheit prägen. Anhand theoretischer Modelle und historischer Fallstudien zeigen die Wissenschaftler, dass Demokratie und inklusive Institutionen entscheidend für nachhaltige Entwicklung sind.
Die Auszeichnung würdigt jahrzehntelange Forschung und sendet angesichts globaler autoritärer Tendenzen auch ein politisches Signal. Im Gegensatz zu früheren Preisträgern wie Milton Friedman (1976) oder Edward C. Prescott (2004), die wirtschaftliches Wachstum primär auf Marktkräfte zurückführten, stellen Robinson, Acemoğlu und Johnson die politische Ordnung ins Zentrum. Staat und Zivilgesellschaft sind ihrer Meinung nach die entscheidenden Garanten von Wohlstand und Freiheit.
Robinson, Acemoğlu und Johnson knüpfen an die „Neue Institutionenökonomik“ von Douglass North an. North, ebenfalls Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften (1993), betonte, dass Institutionen Unsicherheit reduzieren, indem sie Strukturen für das tägliche Leben schaffen. Der Beitrag von Robinson, Acemoğlu und Johnson besteht darin zu zeigen, dass Institutionen nicht neutral sind, sondern das Ergebnis politischer Prozesse – geprägt von asymmetrischen Machtverhältnissen. Inklusive Institutionen fördern demnach Fortschritt und Freiheit, doch ihre Entstehung setzt voraus, dass die Mächtigen einer Umverteilung von Ressourcen und Einfluss zustimmen. Genau dies, so Robinson, liege selten in ihrem Interesse.[ii]
Der Korridor, den wir nicht verlassen dürfen
Robinson, Acemoğlu und Johnson zufolge hängt die Entwicklung eines Landes davon ab, ob Staat und Zivilgesellschaft ein stabiles Gleichgewicht halten.[iii] Beide Akteure müssen stark genug sein, um sich gegenseitig zu kontrollieren und die Machtansprüche des anderen zu begrenzen. Nur dann entsteht ein Raum, in dem Freiheit und gesellschaftlicher Fortschritt möglich sind. Diesen Raum nennen die Wissenschaftler den „Narrow Corridor“ – also den engen Korridor der Freiheit. Er beschreibt die Zone, in der Staat und Gesellschaft im Gleichgewicht stehen (Bereich II in Grafik 1). Diese Balance gelingt vor allem in Ländern mit einer gefestigten demokratischen Tradition, die sich nicht nur in Institutionen und Märkten, sondern auch kulturell verankert hat.

Grafik 1: Dynamik der Interaktion zwischen Staat und Gesellschaft (Dixit 2020, S. 5).[iv]
Die Abbildung verdeutlicht die Spannung zwischen beiden Polen. Zone I beschreibt Staaten, in denen die Regierung übermächtig ist und individuelle Freiheiten einschränkt. In Zone III dagegen herrscht institutionelles Chaos: Eigentumsrechte, Sicherheit und politische Teilhabe können hier nicht gewährleistet werden. Aus Sicht der Ökonomen würde ein Verlassen des Narrow Corridors einen ökonomischen Rückschritt bedeuten, der sich in einem Freiheitsverlust niederschlagen würde. Dabei wäre diese Entwicklung nicht das größte Problem, denn die unmittelbaren Folgen könnten korrigiert werden. Problematisch sind vor allem die mittelfristigen Folgen, die sich aus dem Verlassen des Korridors ergeben. Ist die demokratische Kultur erst einmal erodiert, reichen Institutionen nämlich nicht mehr aus, um Freiheit und Demokratie wiederherzustellen.
Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen in den USA, Europa und Deutschland ist dieser Gedanke hochaktuell: Viele Demokratien bewegen sich gefährlich nah an den Rändern dieses Korridors – sei es durch populistische Bewegungen, den Einfluss wirtschaftlicher Eliten oder eine schwächer werdende Zivilgesellschaft. Selbst der Begriff „Kulturkampf” wird häufig verwendet, um die aktuellen Machtverschiebungen zu beschreiben.
Freiheit gibt es nur dort, wo die Zivilgesellschaft ihre Rolle erfüllen kann
Die demokratische Kultur in den USA ist bereits tief erodiert. In einem Artikel spricht Daron Acemoğlu sogar offen über die „postamerikanische Ordnung“.[v] Die mediale Auseinandersetzung mit dieser Krise ist wichtig, um globale Dynamiken früh zu erkennen und geopolitische Strategien anzupassen. Doch der Blick muss sich stärker auf Deutschland und Europa richten. Wie Le Monde berichtet, versuchen US-amerikanische Thinktanks wie die Heritage Foundation gezielt, rechtsnationale Kräfte in Europa für sich zu gewinnen.[vi] Das von Caren Miosga geführte Interview mit dem CDU-Politiker Jens Spahn, in dem er den ermordeten US-Aktivisten Charlie Kirk trotz dessen menschenverachtender und radikaler Ansichten schlicht als „konservativ“ bezeichnet, verdeutlicht, dass diese Einflussversuche bereits Wirkung zeigen.
»Die Verteidigung der Demokratie beginnt nicht in den Parlamenten, sondern in der Zivilgesellschaft.«
Auch in Deutschland lassen sich alarmierende Entwicklungen beobachten. Die CDU/CSU-Fraktion sorgte Anfang 2025 mit einer Kleinen Anfrage zur Finanzierung zivilgesellschaftlicher Organisationen für Aufsehen. Die 551 Fragen umfassende Initiative, eingebracht von Friedrich Merz, wurde von vielen Beobachter*innen als Versuch gewertet, kritische Stimmen einzuschüchtern. Parallel dazu mehren sich Diffamierungen gegenüber NGOs sowie Kürzungen und verschärfte Auflagen für Projekte, insbesondere solche, die gegen Rechtsextremismus und für Menschenrechte konzipiert sind. Der Begriff „Shrinking Spaces“, mit dem in der Wissenschaft das Schwinden demokratischer Handlungsspielräume theoretisiert wird, steht also sinnbildlich für die Verengung des Narrow Corridor.
Auch die Debatte um das Bürgergeld zeigt, wie stark sich das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft verschoben hat. DIW-Präsident Marcel Fratzscher kritisiert die geplante Abschaffung als Symbolpolitik: Unter dem Schlagwort der „Leistungsgerechtigkeit“ werde ein Misstrauensdiskurs etabliert, der Armut stigmatisiere und soziale Verantwortung durch Kontrolle ersetze.[vii] Die Steuerpolitik legt ein tiefes Ungleichgewicht offen: Wer arbeitet, trägt die Hauptlast, während Vermögen und Kapital kaum zur Finanzierung des Gemeinwesens beitragen. Diese Asymmetrie vertieft soziale Ungleichheit, schwächt das Vertrauen in Institutionen und festigt die politische Macht jener, die ohnehin über Ressourcen verfügen.
Auch auf europäischer Ebene sind Rückschritte zu beobachten. Die Abschwächung oder gar Abschaffung zentraler Regelwerke wie der Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) – und damit auch des deutschen Lieferkettengesetzes – bedeutet nicht nur einen massiven Rückschritt in Bezug auf die menschenrechtliche Verantwortung von Unternehmen, sondern stellt auch einen direkten Angriff auf unsere demokratischen Institutionen dar. Diese und andere politische Kehrtwenden sind weniger ökonomisch begründet, sondern Ausdruck massiven Lobbydrucks und ideologischer Verhärtung.
Schlussfolgerung
Freiheit, im Sinne von sozialer Verantwortung und Gerechtigkeit, muss immer wieder politisch und gesellschaftlich verteidigt werden. Sie lebt nicht von der bloßen Existenz von Institutionen, sondern von Menschen, die sie aktiv mitgestalten, einfordern und schützen. Wenn wirtschaftliche Macht politische Prozesse dominiert, wenn soziale Sicherheit zur Verhandlungsmasse wird und kritische Stimmen systematisch geschwächt werden, verliert Freiheit ihre Substanz. Die Verteidigung der Demokratie beginnt daher nicht in den Parlamenten, sondern in der Zivilgesellschaft – in Gewerkschaften, Umweltinitiativen, Menschenrechtsgruppen, Medien und engagierten Bürger*innen, die das Gleichgewicht zwischen Staat, Markt und Gesellschaft immer wieder neu austarieren.
Freiheit im Sinne von Robinson, Acemoğlu und Johnson ist keine Ideologie, sondern eine Haltung: Sie verlangt Wachsamkeit, Selbstkritik und den Mut zur Auseinandersetzung. Der Narrow Corridor ist kein sicherer Ort, sondern ein offener Raum, der von jeder Generation neu betreten werden muss. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob unsere Demokratien formal bestehen bleiben, sondern ob sie lebendig bleiben – ob wir in der Lage sind, Macht zu begrenzen, Verantwortung zu teilen und Solidarität als Fundament von Freiheit zu begreifen. Nur dann kann Fortschritt tatsächlich Befreiung bedeuten.
Pablo Campos ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim SÜDWIND Institut und leitet das Projekt „Shrinking Spaces“.
[i] Nobel Prize Outreach (2024): The Prize in Economic Sciences 2024 – Popular Information. NobelPrize.org, Stockholm, 9. Oktober 2024. Verfügbar unter: https://t1p.de/7n1fn (abgerufen am 12. Oktober 2025)
[ii] Robinson, James A. (2025): Paths to the Periphery. Nobel Lecture, Stockholm, December 8, 2024. University of Chicago / Institute of African Studies, University of Nigeria at Nsukka.
[iii] Acemoğlu, Daron, und James A. Robinson (2019). The Narrow Corridor – States, Societies, and the Fate of Liberty. New York: Penguin Press. ISBN 978-0-7352-2438-4.
[iv] Dixit, Avinash (2020): “Somewhere in the middle you can survive” – Review of The Narrow Corridor by Daron Acemoglu and James Robinson. Journal of Economic Literature, Final version, June 5, 2020, Princeton University.
[v] Acemoğlu, Daron (2025): Can US Institutions Withstand Trump 2.0? Project Syndicate, 1. Juli 2025.
Verfügbar unter: https://t1p.de/j63ow (abgerufen am 12. Oktober 2025)
[vi] Trippenbach, Jan (2025). La Heritage Foundation s’installe en Europe. Le Monde, 22 Juni 2025 https://t1p.de/7y0zc (abgerufen am 12. Oktober 2025)
[vii] Deutsche Welle (2025): Wie kann der Umbau des Sozialstaates gelingen? DW-Nachrichten, YouTube-Kanal, veröffentlicht am 5. Juli 2025. Verfügbar unter: https://t1p.de/om95z (abgerufen am 12. Oktober 2025)
